Szenario:
Ein Rettungswagen wird an einem verregneten Tag gegen 16:30 Uhr in ein Pflegeheim mit dem Stichwort „internistischer Notfall“ mit Alarm entsandt. Der Rettungswagen trifft um 16:34 Uhr am Pflegeheim ein und hat den Patienten in seinem Zimmer in der dritten Etage gegen etwa 16:37 Uhr erreicht. Eine examinierte Pflegekraft begrüßt das Rettungsdienstpersonal und stellt den Patienten vor. Herr Albers (Name geändert) habe seit dem Vortage (!) einen in Farbe und Temperatur veränderten Fuß.
Die Veränderung sei erstmals im Frühdienst des Vortages aufgefallen und wurde auch so in der Patientenakte dokumentiert. „Blasser Fuß rechts, keine Schmerzen“. Der Spätdienst des Vortages ergänzt gegen 17:00 Uhr: „Fuß ist kalt, Patient gibt an nicht zu frieren, keine Schmerzen“. Die Nachtwache dokumentiert eine bläuliche Verfärbung der Zehen. Der Frühdienst des Tages ruft den Hausarzt des Heimes an, berichtet von dem auffälligen Fuß. Dokumentiert wird: „Der Hausarzt kommt morgen zur Untersuchung vorbei, vorher habe er keine Zeit. Patient weiter keine Schmerzen.“
Bei der Untersuchung des rechten Fußes ist ein blasser und teils marmorisierter Fuß zu sehen. Der rechte Fuß ist deutlich kälter als der linke Fuß, ein Puls lässt sich am Fußrücken nicht tasten. Schmerzen verneint der allseits orientierte Patient, allerdings besteht an der rechten Körperseite eine Hemiparese! Die Vitalparameter sind unauffällig, im Ruhe-EKG imponiert ein Vorhofflimmern bei einer absoluten Arrhythmie. Während ein Rettungsassistent des Rettungswagens die Trage holt, legt der andere Rettungsassistent dem Patienten nach Aufklärung und Einwilligung einen intravenösen Zugang am Handrücken links. Der allseits orientierte Patient erhält darüber NaCl als Infusion verabreicht.
Der Patient wird mit Hilfe der Pflegekraft auf die Trage umgelagert. Das rechte Bein des Patienten wird gut gepolstert und in neutraler Position belassen. Ein Herabhängen der betroffenden Extremität ist im Rettungsdienst meist nicht praktikabel. Hierbei besteht immer die Gefahr, dass weitere Sekundärschäden durch Abdrücken von Nervenbahnen und Gefäßen entstehen.
Nach einer Fahrzeit von ca. 10 Minuten wird der Patient an die Kollegen einer Zentralen Notaufnahme in einer Klinik der Maximalversorgung übergeben.
Schlussbemerkungen:
Eine Durchblutungsstörung wird dokumentiert aber nicht behandelt! Die Pflegekräfte haben hier möglicherweise nicht die entscheidenden Schlüsse gezogen. Spätestens der informierte Hausarzt hätte eine Einweisung veranlassen müssen. Es gibt verschiedene Krankheitsbilder oder Patientenzustände, welche Beschwerden verdecken oder überlagern können. So sei an dieser Stelle der „stumme Infarkt“ bei Menschen mit einem
Diabetes mellitus erwähnt. Die Dauermedikation eines Patienten kann ebenfalls erwartete Symptome verhindern. Wem diese teils komplexen Zusammenhänge nicht bekannt sind, kann das Pflegepersonal möglicherweise die richtigen Schlüsse nicht ziehen. Die Patientenbeobachtung muss stets genau vollzogen werden. Durch regelmäßige Fortbildungen im Bereich der Patientenbeobachtung, der Krankheitslehre und der Notfallmedizin, lassen sich derartige Patientenschädigungen auf ein Minimum begrenzen.