von
Martina Bliefernich
-Mehr Wohnlichkeit in der Pflege-
Am 22.03.2012 fand im Bergheim in Boostedt ein Workshop zum Thema Demenz -Mehr Wohnlichkeit in der Pflege- statt. Der Workshop war für mich sehr informativ und hat mir einen interessanten Blickwinkel auf die Erkrankung Demenz ermöglicht, der mich auch nach langjähriger Tätigkeit in der Pflege beeindruckt hat. Diesen möchte ich gerne in diesem Artikel an Sie weitergeben.

Das Bergheim, welches einst ein Hotel war, ist heute eine spezialisierte Pflegeeinrichtung für Menschen mit demenziellen und psychischen Erkrankungen (siehe
Demenz). Zum Zeitpunkt des Workshops lebten 96 Bewohner (42-102 Jahre) in vier Wohnbereichen im Bergheim. Oberstes Ziel der Einrichtung ist es, die Bedürfnisse der Bewohner zu befriedigen. Da die Bedürfnisse von demenziell erkrankten Bewohnern sehr speziell sind bzw. man sie verstehen muss, hat das Bergheim alle Mitarbeiter auf diesem Gebiet geschult. Das besondere im Bergheim ist, dass nicht nur die Pflegekräfte sondern tatsächlich ALLE Mitarbeiter vom Hausmeister bis zur Verwaltungskraft 24-96 Stunden geschult wurden, um zu gewährleisten, dass alle Mitarbeiter adäquat auf die Anforderungen im Umgang mit demenziell erkrankten Bewohner eingehen können (siehe
Fort- und Weiterbildungen). Das psychobiographischen Pflegemodell des Pflegewissenschaftlers Erwin Böhm bildet bei der Umsetzung der Pflege im Bergheim die Basis.
Der Workshop wurde von knapp 20 interessierten TeilnehmernInnen besucht und von dem Dipl. Pädagogen und Gerontologen Rüdiger Waßmuth geleitet. Wie der Name des Workshops schon sagt, stand die Wohnlichkeit in der Pflege im Mittelpunkt (siehe
Fremdwerden in der eigenen Häuslichkeit) . Neben vielen interessanten Informationen zu baulichen Maßnahmen, mit denen man demenziell erkranken Menschen den Alltag erleichtern kann, durften wir auch das Bergheim besichtigen, in dem viele dieser Maßnahmen bereits umgesetzt wurden. Für mich persönlich war jedoch eine Aufgabe in diesem Workshops eine Besonderheit, welche ich im Folgenden schildern möchte.
Liebe Pflegekraft,
Sollte ich einmal dement werden und mich nicht mehr adäquat äußern können würde ich mir wünschen, dass du bitte an folgende Dinge bei meiner Pflege/Betreuung denkst:
Ich bin kein Langschläfer, scheint die Sonne in mein Zimmer bin ich in null Komma nichts aufgestanden. Das Wichtigste am Morgen ist das Zähneputzen und auch eine Dusche trägt sehr zu meinem Wohlbefinden bei. Was niemals fehlen darf ist ein Kaffee am Morgen oder besser zwei. Wenn es um Essen geht bin ich der wohl pflegeleichteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Ich esse kein Fleisch, aber sonst wirklich Alles.
Auf mein Äußeres lege ich Wert. Bitte zeih mich nicht an, wie ein bunter Hund, ich möchte immer anständig gekleidet sein. Wenn ich Etwas nicht möchte, respektier dies bitte! Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf und mir war es immer wichtig für mich selbstständig zu sein und für mich selbst zu entscheiden.
Außerdem liebe ich die Natur und wenn schönes Wetter ist, sperre mich bitte nicht Drinnen ein. Ich muss raus, immer an die frische Luft! Zudem bin ich gerne in Gesellschaft. Ich höre gerne anderen Menschen zu, erzähle gern und mag es einfach lebendig um mich herum.
Natürlich gibt es auch Momente in denen ich gerne alleine bin. Das wirst du dann aber Merken Gib mir nur die Möglichkeit einen Ort zu haben, an dem ich mich zurückziehen kann, wenn ich das möchte.
Ich glaube, wenn du diese Dinge beherzt, werde ich auch wenn ich dement bin, gut mit dir zurechtkommen und entspannt meine Tage genießen.
p.s. ach ja, ich LIEBE Blumen! Wenn du mir also eine besonders große Freude bereiten willst, sorge immer dafür, dass ich frische Blumen habe.
Dein Pflegefall
Ich denke, der Brief macht deutlich, wie vielfältig und auch detailliert persönliche Wünsche sein können. Und wenn Sie jetzt einmal in sich gehen und überlegen, was Ihnen wichtig wäre, wird das evtl. etwas ganz anderes sein. Vielleicht schlafen Sie gerne lange, sind gerne allein, hassen Kaffee und möchten lieber Baden als Duschen. Dies muss man nun auf eine Pflegeeinrichtung mit 100 Bewohnern übertragen und Jeder kann sich vorstellen, wie unterschiedlich die persönlichen Wünsche der Bewohner aussehen mögen.
Aber gerade diese kleinen aber so wichtigen Dinge sind es, die den Alltag angenehm machen. Und wenn ein Mensch sich nicht mehr artikulieren kann und man ihm immer z.B. das Gesicht mit Seife wäscht anstatt nur mit Wasser, wie er es mag, sind Abwehrhaltung oder aggressives Verhalten durchaus verständlich. (siehe
körperliche Gewalt gegen Pflegende)
Wenn Sie also selbst in der Pflege tätig sind oder demenziell erkrankte Angehörige pflegen, denken sie ab und zu an diesen Brief oder schreiben sie ggf. auch einmal selbst einen Brief an Ihre zukünftige Pflegekraft.
Mir hat diese kleine Aufgabe noch einmal mehr gezeigt, wie individuell Pflege sein muss, um allen zu Pflegenden gerecht zu werden und wie schwer diese Aufgabe für Pflegende sein kann. Insgesamt hat mich der Workshop noch einmal für das Thema Demenz sensibilisiert.
Autor: Martina BliefernichÄhnliche Artikel zu diesem Thema:
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workshop-demenz.pdf