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Sexualität von Pflegebedürftigen

von Michael Leisering
Die Sexualität der älteren Menschen ist immer noch ein Tabu. Daher hat es das Pflegepersonal schwer, mit den Bedürfnissen der Senioren umzugehen. Aber ein Mangel an Berührung und sexuellem Kontakt führt zu unruhigen und einsamen Bewohnern.

Von Nynne Bojsen Faartoft – veröffentlicht in Ældre Sagen NU Dänemark, August 2010. Aus dem Dänischen übertragen von Michael Leisering.

Da könnte genau so gut eine Bombe im Koffer sein. Alle halten in jedem Fall drei Meter Abstand. Es war ansonsten eine freiwillige Veranstaltung für die Mitarbeiter im Pflegeheim der Egebjerg Kommune, die die Pflegedienstleiterin Karoline Raundahl anrangiert hatte. Es war volles Haus. Das Thema war Senioren und Sexualität; der Koffer voll mit Pornofilmen, Dildos, künstlichen Scheiden und anderen Hilfsmitteln. Und heute lagen diese auf einem Tisch in einem Pflegeheim in Südfünen. Solange bis Karoline Raundahl damit herausgekommen ist, was das alles bedeutet.

Berührungsangst:


Die Geschichte geschah bereits vor einigen Jahren, aber Karoline Raundahl, die nun Demenzkoordinatorin der Svendborg Kommune ist und an den Sozial- und Gesundheitsschulen auf Fünen unterrichtet, erlebt immer noch, dass eine große Berührungsangst gegenüber den sexuellen Bedürfnissen der Senioren in Pflegeheimen besteht: „Wir haben eine Politik für alles, aber keine Sexualpolitik“.

Sie ist nicht allein mit der Meinung, dass dies ein Problem ist. Oberarzt und Leiter der Sexualwissenschaftlichen Klinik im Reichshospital, Ellids Kristensen, hat bei einem Diskussionstreffen über die Sexualität der Senioren, die vom Expertencenter im Seniorenbereich (Videnscenter på Ældreonrådet) veranstaltet wurde, festgestellt, dass es ein großes Tabu um die Sexualität der Senioren im Pflegeheim und bei der häuslichen Pflege gibt.

Die Haut wird hungrig:

Wenn die sexuellen Bedürfnisse und der Bedarf an körperlichem Kontakt der Bewohner von Pflegeheimen nicht befriedigt werden, kann es geschehen, das die daraus folgende Unruhe und Einsamkeit eine weitere Ursache für Depressionen sein kann. Weil auch ältere Menschen das Bedürfnis haben, ihre Sexualität auszuleben. Dies sagt die Krankenschwester und Sexualwissenschaftlerin Marianne Egense, die Pflegeheimpersonale zur Sexualität von Senioren unterrichtet.

„Man soll nicht den Bedarf der älteren Menschen schmälern, da diese „verwelken“ wenn sie keine Berührung oder engen Kontakt zu anderen Menschen haben“.

Pflegeheimpersonale können nicht die Nähe geben, wie ein Ehepartner. Daher wird die fehlende Berührung zum „Hauthunger“, ein Ausdruck, der gebraucht wird bei Vermissen von Berührung und körperlichem Kontakt und wenn Menschen dadurch einsam und traurig werden.

Senioren in Pflegeheimen sind besonders anfällig für „Hauthunger“ weil sie häufig nach dem Tod des Ehepartner alleine bleiben.

Er ist kein „altes Ferkel“

Im ganzen Land (Dänemark) ist es offizielle Politik, dass Senioren so lange wie möglich in ihrer eigenen Umgebung bleiben und das bedeutet, dass viele Pflegeheimbewohner mehr oder weniger dement sind. Dies stellt besondere Herausforderungen dar, da Demente häufig ihre Hemmungen verlieren und daher ihre Sexualität mehr sichtbar und nach außen gekehrt wird.

„Demente können aggressiv werden und haben es schwer, ihren Bedarf zu äußern und diese Aggressivität kann durch Medizingabe unterdrückt werden, obwohl es sich dabei um unentdeckte sexuelle Bedürfnisse handelt“, sagt Marianne Egense.

Wenn ein Dementer eine Hand unter den Kittel einer Pflegekraft schiebt, genauso ist dies eine Zudringlichkeit gegenüber den anderen Bewohnern, wie im Gemeinschaftsraum zu masturbieren.

„Dieses Verhalten sagt mir, dass er kein altes Ferkel ist, sondern tatsächlich ein Bedürfnis hat“ sagt Marianne Egense.

Sexualität besteht bis wir sterben

Untersuchungen zeigen, dass bei den meisten Menschen die Lust auf Sex niemals verschwindet. Aber im Alter ändert sich unsere Sexualität und je älter wir werden desto wichtiger wird Nähe, Berührung und Intimität. Geschlechtsverkehr und Orgasmus wird dabei nicht notwendigerweise festgestellt.

„Wenn man 86 Jahre alt ist, ist es nicht der Geschlechtsverkehr, der wichtig ist. Dies ist vielmehr Nähe und Berührung: Liegen aneinandergeschmiegt und austauschen von Küssen“, führt Marianne Egense aus und ergänzt, das ein teil des sexuellen Bedürfnisses durch Ganzkörpermassage und einfache Berührung im Alltag befriedigt werden kann. Und sonst helfen tatsächlich Dildos, Plastikscheiden oder Pornos.

„Freche Filme“

Es war lange Unruhe in einer Abteilung des Pflegeheims der Egebjerg Kommune und deshalb hat die Pflegedienstleiterin Karoline Raundahl dort die Stimmung beobachtet. Die Bewohner waren nicht ausgeprägt dement, haben aber unzufrieden und frustriert gewirkt. Nachdem sie das Ganze einen Tag beobachtet hatte, setzte sich Karoline Raundahl mit den Bewohnern zusammen und fragte, wie es ginge.

„Das ist zum Teufel alles für den Arsch“, antwortete ein Herr. Und damit konnte Karoline Raundahl eigentlich nur einig sein. Daher fragte sie, was er sich denn vorstellen würde. „Wir könnten doch mal einen frechen Film sehen“, antwortete ein anderer Bewohner mit einem leichten Funkeln in den Augen. Was gemeint war wie ein Scherz, hatte aber Wirkung. Karoline Raundahl griff die Idee auf und fragte, wie es denn wäre mit frechen Filmen am Sonnabend Nachmittag. Und da waren viele, die zustimmend genickt haben und eine Dame sagte, dass das klappen könnte. Aber des Pflegepersonal nahm den Faden nicht auf, obwohl Karoline Raundahl angeboten hat, zu kommen und diese Filme zu zeigen.

Ältere und Sex sind Tabu

Der Leitfaden „Sexualität – ohne Ansehen von Handicap“ des Innen- und Sozialministeriums von 2001 beschreibt, welche Möglichkeiten Pflegepersonale haben, um Menschen mit Handicap oder Senioren zu helfen, ihre Sexualität auszuleben. Und das bezeichnet gerade Pornofilme, Sexspielzeug Hilfe bei der Selbstbefriedigung oder Herstellung eines Kontaktes zu einer Prostituierten. Diese Hinweise sind aber nur Empfehlungen auf freiwilliger Basis.

Daher besteht ein großer Unterschied wie in den Pflegeheimen der einzelnen Kommunen mit der Sexualität der Bewohner umgegangen wird. Kommunen wie Kopenhagen und Skanderborg haben den Pflegeheimpersonalen vollständig verboten, Kontakt zu Prostituierten herzustellen, während dies in anderen Kommungen "Standard" ist. Es ist daher Aufgabe der einzelnen Pflegeheime, ihre Sexualpolitik zu formulieren; aber dies geschieht selten. Daher bleibt es dabei, dass die einzelne Pflegekraft mit den sexuellen Bedürfnissen der Bewohner in Pflegeheim umgehen muss.

Fehlendes Wissen über Sexualwissenschaft

Und das ist gerade das Problem, meint Ellids Kristensen, Oberarzt und Leiter der Sexualwissenschaftlichen Klinik im Reichshospital: Es ist sehr schwer, bloß rauszugehen, mit der Sexualität zu arbeiten und in professioneller Art über Sexualität zu sprechen, wenn du keine entsprechende Aufklärung erhalten hast. So hast du nur deine eigenes Schlafzimmerrepertoire, aber das ist viel zu privat um mit den Bewohnern darüber zu sprechen“

Nach Ellids Kristensen fehlt der Fokus auf die Sexualität der Senioren im gesamten Pflege- und Gesundheitsbereich: „Alle die mit Kranken, Senioren und Menschen zu tun haben, die Hilfe von anderen benötigen, benötigen mehr Information und Unterrichtung in diesem Bereich.“

Vier der größten Sozial- und Gesundheitsschulen in Dänemark informieren, dass Sexualwissenschaft und die Sexualität der Senioren ein Teil der Ausbildung ist, jedoch kein selbständiges Fach.

Marianne Egense meint auch, dass man in Sexualwissenschaften im Pflege- und Gesundheitssektor unterrichten muss. Darüber hinaus meint sie, dass jedes Pflegeheim in seinem Pflegekonzept beschreiben soll, wie die Haltung der Einrichtung zur Sexualität (der Bewohner) ist und wie man mit dieser umgeht. „Man sollte einfach nur die Politik des Bereiches aufschreiben: Hier haben wir eine bestimmte Haltung zur Sexualität und die Senioren können Sexleben haben, wenn sie es wünschen“.

Fürsorgeschwund


Karoline Raundahl hat noch eine Diskussion über Demente für Sozial- und Gesundheitspersonal aus ganz Fünen veranstaltet. Ein Punkt war dabei die Sexualität Dementer. Nach dem Seminar kamen Pflegende zu ihr und berichteten über Erlebnisse, die sie in Pflegeheimen hatten. Wie Tabletten atomisiert wurden. Wie Pflegende merkwürdige Dinge in Betten von Frauen gefunden haben oder Dinge, die in der Scheide einer Bewohnerin festgesessen haben. Karoline Raundahl fragt, was sie denn in solchen Fällen gemacht hätten und sie war entsetzt, wie Antwort lautete“ „Nichts!“

„Es ist einfach ein Fürsorgeschwund in dem Grad, dass man nichts macht, wenn eine Bewohnerin sich ungeeignete Dinge in die Scheide einführt, weil sie kein geeignetes Spielzeug hat. Und das nur, weil niemand sich traut, die Angehörigen um Geld zu bitten um derartiges zu kaufen.“

„Liebe hat kein Alter, und das hat die Sexualität auch nicht“ – Marianne Egense, Sexualwissenschaftlerin

Rømø, 11.10.2010

Das Seminar zum Thema: Sexualität im Alter
Dozentin: Dr. Beate Stiller

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Michael Leisering
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