Kongress richtet sich an Betroffene und Angehörige
Sozialministerin Dr. Monika Stolz: Wir müssen das Schweigen um Demenz brechen. Demenz kann jeden treffen
Rund 6,8 Prozent der über 65-jährigen sind in Deutschland an Demenz erkrankt - Bundesweit etwa 1,2 Millionen Menschen
„Wir müssen das Schweigen um die Krankheit Demenz brechen“, erklärte Sozialministerin Dr. Monika Stolz am Mittwoch (8.9.) in Fellbach vor 800 Teilnehmern. Beim Kongress „Zu Hause leben mit Demenz“ des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren, der Alzheimergesellschaft Baden-Württemberg und dem Landesseniorenrat, zu dem über 1 300 Anmeldungen vorlagen, führte die Ministerin weiter aus: „Demenz kann jeden treffen. Rund 6,8 Prozent der über 65 jährigen sind in Deutschland an Demenz erkrankt. Das sind bundesweit etwa 1,2 Millionen Menschen. Demenz betrifft aber nicht nur die Erkrankten, sondern auch ihre Familien, ihr Umfeld. Mir ist es wichtig, demenziell erkrankte Menschen, deren Angehörige und alle, die in der Pflege tätig sind, zu unterstützen.“ Der Kongress solle Verbindungen zwischen allen Menschen, die mit Demenz im häuslichen Umfeld konfrontiert sind, herstellen und die Möglichkeit geben, Informationen und Erfahrungen auszutauschen und wertvolle Anregungen für den Alltag zu bekommen.
„Neben dem Kongress wird das Land in diesem und im nächsten Jahr weitere demenzspezifische Initiativen ergreifen und in diesem Zusammenhang Projekte fördern“, kündigte die Ministerin an. „Für diese Maßnahmen stehen insgesamt 300.000 Euro zur Verfügung.“ So solle beispielsweise der Hilfebedarf und Hilfemöglichkeiten nach einer Demenzdiagnose ermittelt werden. „Dabei wollen wir die Betroffenen, also die Menschen mit einer Demenzdiagnose, selbst zu Wort kommen lassen“, betonte Stolz. So werde der Hilfebedarf nach einer Diagnose nicht wie sonst üblich aus Fachkonzepten und Expertenurteilen abgeleitet, sondern aus der Perspektive der Betroffenen ermittelt. Weiter solle geprüft werden, welche innovative Techniken und Technologien für Demenzkranke eingesetzt werden können.
„Es gibt bereits zahlreiche technologische Entwicklungen, um die Selbständigkeit und Sicherheit und damit auch die Lebensqualität bei einer demenziellen Erkrankung zu verbessern“, erläuterte Stolz. Als Beispiele nannte sie die Alarmierungs- und Notrufsysteme. „Leider können Demenzkranke in einem fortgeschrittenen Erkrankungsstadium diese Technik meist nicht mehr nutzen“, so Stolz. „Wir brauchen sowohl im häuslichen wie auch in stationären Einrichtungen dringend eine Technik, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit starken kognitiven Beeinträchtigungen angepasst ist. Wir wollen daher den demenzspezifischen Technikbedarf ermitteln und passende Angebote zusammenstellen.“ Daneben sei die praktische Erprobung innovativer Technik in Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Kommunen vorgesehen.
Als weiteres Projekt führte die Ministerin Verbesserungen der Wirksamkeit der geriatrischen Rehabilitation bei demenziell erkrankten Patienten an. Demenzielle Erkrankungen seien häufig auch durch Einschränkung und Verlust von Bewegungsfähigkeit gekennzeichnet und würden mit einem hohen Sturzrisiko einher gehen. „Es ist ein Teufelskreislauf von mangelnder körperlicher Aktivität, weiter nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit, zunehmender sozialer Isolation und zunehmender Sturzgefährdung, der sich nach der stationären Versorgung fortsetzt“, schilderte Stolz. Damit werde die nachhaltige Wirkung einer erfolgreichen Rehabilitation schnell wieder in Frage gestellt. „Uns geht es deswegen um die Entwicklung und Evaluation eines nachstationären Rehabilitationskonzepts für demenziell erkrankte Patienten“, sagte Stolz. „Das umfasst insbesondere ein Trainingsprogramm zum Erhalt und zur Stärkung motorischer Fähigkeiten. Übergeordnetes Ziel ist aber, dass demenziell erkrankte Menschen im Anschluss an die Rehabilitation selbstständig bleiben.“
Weiterhin seien ein landesweiter Wettbewerb zu innovativen Demenzprojekten sowie der Aufbau eines Demenzportals mit Informationen zu demenzspezifischen Beratungs- und Betreuungsangeboten vorgesehen. „Der Informationsdienst der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg bietet schon jetzt eine gute Basis für das angestrebte Demenzportal“, würdigte Stolz. Die vorhandene Datenbank solle nun aktualisiert, erweitert und nutzerfreundlicher gestaltet werden. „Mit systematischen Informationen über vorhandene Beratungs-, Betreuungs- und Versorgungsangebote soll für die Betroffenen und ihre Angehörigen der Zugang zu den bestehenden Hilfe- und Unterstützungsangeboten erleichtert werden“, sagte die Ministerin. An der Umsetzung der Projekte seien unter anderem die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg, der Landesseniorenrat, die Demenz Support Stuttgart, die Duale Hochschule, Selbsthilfegruppen sowie Verbände und Träger von Pflegeeinrichtungen beteiligt. Die Ministerin dankte allen Beteiligten für ihr Engagement. „Dieses Engagement – insbesondere der Angehörigen – verdient große Anerkennung und es kann nicht oft genug betont werden, dass dies nicht selbstverständlich ist“, würdigte Stolz und betonte: „Wir alle müssen uns den Herausforderungen stellen und auf Kooperationen einlassen und so die Pflegeinfrastruktur weiter zu entwickeln.“
Quelle: Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren Baden-Württemberg, 08.09.2010