Landkreisanalyse: Ambulant vor stationär

Der Leitsatz „ambulant vor stationär“ begleitet die Pflege nun bereits seit vielen Jahren und wird auch von der Politik gefördert. Der Wunsch, Patienten so lange wie möglich nicht in einer vollstationären Einrichtung zu behandeln, sondern mit ambulanten und teilstationären Angeboten abzufedern, kann in den verschiedenen Landkreisen unterschiedlich stark erfüllt werden. Dies wird am Ambulantisierungsgrad deutlich.

Bestandsaufnahme: Tendenz zu spezialisierten Häusern

Als Leser unserer Webseite sind Ihnen die Zahlen bekannt: In Deutschland werden die Pflegebedürftigen von einem komplexen Konstrukt aus 15.000 Pflegediensten, 11.500 Pflegeheimen, 5.600 betreuten Wohnanlagen, 4.600 Tagespflegen und 1.700 Wohngruppen versorgt. Doch während der Gesamtmarkt weiterhin kräftig wächst, sinkt die Wachstumsrate vollstationärer Pflegeplätze. Lag die Zunahme der Jahre 2013 und 2015 jeweils noch deutlich über 2 Prozent, beträgt das Wachstum aktuell nur noch 1,9 Prozent in drei Jahren.
Insgesamt stehen in den rund 11.500 stationären Pflegeeinrichtungen derzeit rund 880.000 Pflegeplätze zur Verfügung. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Einrichtungen stärker als in den Auswertungszeiträumen zuvor. Dies unterstreicht die Tendenz zu kleineren, spezialisierten Häusern und Residenzkonzepten. Einen wahren Boom erfahren dagegen teilstationäre Versorgungsformen wie beispielsweise der Bereich der Tagespflege. Aber auch die „klassische“ ambulante Pflege in Form von Pflegediensten nimmt weiterhin stark zu. An den bundesweit rund 15.000 Standorten versorgen die Anbieter insgesamt 1,35 Millionen Menschen.

Pflegebedarfsstatistik: Der Ambulantisierungsgrad ist vor allem in den neuen Bundesländern sehr hoch.

Vergleicht man nun die stationäre Versorgungsquote für Einwohner ab 75 Jahren (Bundesschnitt: 10 Prozent) und die ambulante Versorgungsquote für die gleiche Altersgruppe (Bundesschnitt: 27,9 Prozent), lässt sich so der Ambulantisierungsgrad ableiten. Bundesweit liegt dieser aktuell bei 1,57. Den höchsten Ambulantisierungsgrad, also das Verhältnis ambulanter zu stationären Angeboten, weist das Bundesland Brandenburg auf, während der Pflegemarkt in Bayern, Schleswig-Holstein und im Saarland deutlich stationärer geprägt ist. Noch größere Schwankungen zeigen die Statistiken auf Landkreis- und Gemeindeebene.

Landkreise mit niedrigem Ambulantisierungsgrad

Einen besonders niedrigen Ambulantisierungsgrad weisen die Landkreise Landshut (Bayern), Merzig-Wadern (Saarland) und Goslar (Niedersachsen) auf. Dem entgegen stehen besonders hohe Ambulantisierungsgrade im Saale-Orla-Kreis (Thüringen), dem Landkreis Uckermark (Brandenburg), sowie Kaiserslautern (Rheinland-Pfalz).
Besonders interessant ist in dieser Aufzählung dabei der Landkreis Kaiserslautern. Während dieser einen außergewöhnlich hohen Ambulantisierungsgrad von 3,54 aufweist, liegt die Kaiserslautern als Kreisfreie Stadt selbst mit einem Faktor von 1,22 unter dem Bundesschnitt von 1,57. Besonders die hohe Anzahl an Pflegeheimbetten zieht hier den Schnitt nach unten, während zeitgleich mit rund 1.400 ambulant Versorgungen nicht einmal halb so viele Patienten ambulant behandelt werden wie im Umland. Bei der kreisfreien Stadt Landshut wiederum zeichnet sich dieses Bild nicht ab: Hier nährend sich Landkreis (0,71) und die Stadt (0,70) vom Wert der Ambulantisierung her aneinander an.

Besonders der Landkreis Uckermark zeigt einen hohen Ambulantisierungsgrad.

Betreutes Wohnen darf bei der Ambulantisierung nicht unterschätzt werden

In der klassischen Berechnung des Ambulantisierungsgrades (versorgte Kunden in Pflegediensten, im Vergleich zu versorgten Kunden in Pflegeheimen) ist die Bedeutung des betreuten Wohnens nicht direkt zu erkennen, da auch Bewohner eines betreuten Wohnens von Pflegediensten versorgt werden. Zwar ist dieser Bereich nur schwer zu erfassen und unterliegt auch noch keiner offiziellen Definition, dennoch nimmt er einen erheblichen Einfluss auf die vollständige Bedarfsanalyse. Die offizielle Pflegebedarfsstatistik von pflegemarkt.com behält jedoch auch diesen Faktor im Blick, da die Bedeutung des betreuten Wohnens im Zuge der Ambulantisierung und der zunehmend verschmelzenden Abgrenzungsmöglichkeiten der einzelnen Segmente des Pflegemarktes weiter zunimmt.
Besonders hoch ist die Diskrepanz zwischen offenem und gedeckten Bedarf in Bayern und NRW.
Bundesweit befinden sich derzeit rund 340 solcher Einrichtungen (mit 10.000 Pflegeplätzen) entweder in der Planung oder bereits im Bau. Zum Vergleich: Im Segment der Pflegeheime gibt es mit aktuell 270 Bauprojekten deutlich weniger Einheiten. Insgesamt beläuft sich die Zahl der Einrichtungen auf etwa 6.000 bis 7.000 Standorte, je nach Zählweise. Entscheidend ist, dass jedem Bewohner eine eigene, abschließbare Wohnung zur Verfügung steht und Pflegeleistungen hinzugebucht werden können. Die exakte Bedarfsermittlung schwankt derzeit noch stark – während optimistische Rechnungen von einem Bedarf in Höhe von 5 Prozent der Bevölkerung ab 65 Jahre ausgehen, ist im Zusammenhang der segmentübergreifenden Pflegebedarfsstatistik ein realistischer Bedarf in Höhe von 2,5 Prozent der Bevölkerung ab 65 Jahre anzunehmen.

Fazit

In ganz Deutschland werden mehr Patienten über ambulante, denn über stationäre Angebote versorgt – Tendenz weiter steigend. Insbesondere der Trend zu betreutem Wohnen und Wohngruppen, sowie der anhaltende Boom an Pflegediensten unterstützt diesen Verlauf. Auch der starke Fokus auf Komplexträger, die ambulante mit stationären und teilstationären Angeboten verbindet, begünstigt die Entwicklung zu höheren Ambulantisierungsgraden.


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