Interview – Stationäre Pflege und Digitalisierung: mitunsleben GmbH

In Berlin gründete sich am 19. November 2018 unter dem Namen „mitunsleben“ ein StartUp aus 16 sozialen Gesellschaften. Ziel war es, das bundesweit Menschen, die Assistenz, Pflege oder Unterstützung benötigen, die am besten für Sie passenden Dienstleistungsangebote finden und leicht in Anspruch nehmen können. Zu den Gründungsgesellschaften zählte auch die Evangelische Altenhilfe St. Georgen – wir haben mit deren Geschäftsführer, Herr Markus Schrieder, über Digitalisierung in der stationären Pflege gesprochen.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung in der stationären Pflege?

Markus Schrieder: Wie in anderen Bereichen auch können durch digitalisierte Prozesse in der stationären Pflege gerade die administrativen Prozesse optimiert werden. Dies führt in unserem Fall definitiv zur Arbeitsentlastung der Mitarbeiter wodurch spürbar mehr Zeit für die Bewohner bleibt.

Gibt es digitale Lösungen, die die Mitarbeiter bei administrativen Aufgaben entlasten können, um mehr Zeit für die Pflege zu gewinnen? Wie können zum Beispiel Prozesse im Aufnahmemanagement optimiert werden?

Schrieder: Neben digitalisierter Personalakte und Buchhaltung haben wir seit ca. zwei Jahren eine bewohnerbezogene Software in allen unseren Einrichtungen eingeführt. Wesentlich ist dabei, dass ein „Kunde“ egal in welchem Bereich er aufgenommen wird, nur noch einmal erfasst werden muss.

Ab diesem Zeitpunkt werden alle Daten und Informationen dieser digitalen Akte zugeführt. Das bedeutet für uns, dass es nicht wie in der Vergangenheit zu Doppelerfassungen einerseits und Informationsdefiziten andererseits kommt, sondern auch bei Wechsel einer Person über die Versorgungsbereiche alle Daten immer sofort zur Verfügung stehen.

Welche Digitalisierungshemmnisse sehen Sie in der stationären Pflege?


Schrieder: Eine Einrichtung zu digitalisieren stellt trotz aller Unterstützung der jeweiligen Anbieter und Berater eine enorme zeitliche, personelle und auch finanzielle Herausforderung dar, auf die man sich neben einem sehr anspruchsvollen Alltagsgeschäft erst mal einlassen muss.

Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihre stationären Einrichtungen ausgewirkt? Wo hat sich ggf. dringender Nachholbedarf für digitale Lösungen gezeigt?


Schrieder: Ich denke, gerade die Defizite im Bereich der Gemeinschaft und Kommunikation mit der Umwelt und Verwandten für Bewohner in Pflegeheimen ist noch ein weites Feld.So zeigten sich in der Quarantänezeit hinsichtlich der erforderlichen Hardware für Bewohner zur Durchführung von Videotelefonie mit Verwandten etc. erhebliche Defizite.

Nur wenige waren oder sind mit einem Tablet o.ä. ausgestattet und konnten die grundsätzlich vorhandenen Anwendungen wie Skype etc. in ihrem Zimmer nutzen. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass im zukünftigen Bewohnerzimmer schon bald ein vorhandenes Tablet o.ä. das jetzt vorhandene Telefon ersetzen kann.

Welche Trends und Tendenzen beobachten Sie in der stationären Pflege? Wie gehen Sie mit den Herausforderungen von Fachkräftemangel, Digitalisierungsdruck und steigende Zahlen von Pflegebedürftigen um?


Schrieder: Für uns als Komplexanbieter ist die stationäre Pflege neben guten ambulanten Versorgungskonzepten immer noch ein unverzichtbarer Bestandteil der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen.

Auffällig ist dabei, dass die Verweildauer in Pflegheimen immer kürzer wird wodurch der administrative Aufwand enorm angestiegen ist. Auch deshalb haben wir gerade hier die Digitalisierung der Prozesse vorangetrieben um letztlich wie auch schon beschrieben Personal zu entlasten um letztlich mehr Zeit für Bewohner zu haben.

Hinsichtlich des Personalmangels sind wir schon seit fast einem Jahrzehnt in vielen verschiedenen Verbundprojekten im Ausland engagiert und können daher auf ein weites Repertoire an Akquise-Möglichkeiten zurückgreifen. Jedoch spielt auch hier gerade bei den Assessments und der Prozessbegleitung der Integration die Digitalisierung eine unverzichtbare Rolle.

Inwieweit können Online-Plattformen wie mitpflegeleben.de, hinter der u.a. auch die Evangelische Altenhilfe Sankt Georgen als Gesellschafter steht, eine Unterstützung bei der Digitalisierung von Pflegeinrichtungen bieten.


Schrieder: Grundsätzlich besteht für mich der Gewinn schon darin, dass sich wie wir anfänglich 15 Sozialunternehmen gemeinsam dazu entschieden haben, sich in diesen Markt zu bewegen und ihn nicht anderen zu überlassen, die zwar digitale Geschäftsmodelle denken können, aber die Materie fachlich nicht kennen. 

Darüber hinaus hat Teilhabe am Aufbau der Plattform mitpflegeleben.de und das Mitwirken von Mitarbeitern in diversen Workshops unser Denken und Wissen hinsichtlich Digitalisierung erheblich geformt.

Somit ist für mich alleine die Beteiligung von Trägern an Plattformen oder Vereinen wie Vediso (Verband für Digitalisierung in der Sozialwirtschaft e. V.) schon ein erheblicher Bestandteil in Richtung Digitalisierung. Selbstverständlich sind darüber hinaus weitere Beratungs- und Dienstleistungen über die Plattform denkbar.


Portraitfoto von Markus Schrieder Foto: Dorothea Lemme Bildrechte: Evangelische Altenhilfe St. Georgen gGmbH

Interviewpartner: Markus Schrieder, Geschäftsführer Evangelische Altenhilfe Sankt Georgen

(Bildrechte: Evangelische Altenhilfe Sankt Georgen)

Die mitunsleben GmbH wurde am 19. November 2018 durch 16 gemeinnützige Träger gegründet. Geschäftsführerin Cornelia Röper, die von Bill Gates persönlich mit dem Global Goalkeeper Award ausgezeichnet wurde, kennt sich sowohl in der IT Landschaft, als auch direkt im Aufbau großer sozial orientierter online Plattformen besten aus. Vor „mitunsleben“ hat sie die weltgrößte online Fragen und Antworten Plattform für Geflüchtete aufgebaut. Torsten Anstädt (48) verheiratet und Vater von 4 Kindern, ist seit April 2019 Geschäftsführer der mitunsleben GmbH, welche eine Online-Plattform konzipiert, die Menschen zu sozialen und pflegerischen Dienstleistungen informiert sowie Beratung und Vermittlung anbietet. Darüber hinaus ist er Ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei der Stiftung Demenzpaten und engagiert sich für Demenz Technologie Projekte. Die Evangelische Altenhilfe Sankt Georgen ist Teil des Netzwerks.


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