M&A-Transaktionen in der Pflege im 1. Halbjahr 2020

Das erste Halbjahr 2020 wurde von einigen spannenden Übernahmen und dem Eintritt neuer Player in den Markt geprägt. Welche Ausprägungen die Übernahmen dabei im Speziellen aufweisen und welche Übernahmen besonders interessant sind, erfahren Sie dabei in der folgenden Analyse.

Im ersten Halbjahr 2020 waren zum Zeitpunkt der Analyse (01.06.2020) insgesamt 83 Pflegeheime mit mehr als 8.800 Betten, 30 betreute Wohnanlagen mit über 1.400 Wohnungen, 25 Tagespflegen mit knapp 500 Plätzen sowie 13 Pflegedienste mit rund 1.750 versorgten Patienten und 18 Wohngruppen mit etwa 200 Plätzen Teil von Betriebs- und Immobilienübernahmen.

Betriebsübernahmen im ersten Halbjahr 2020 beschleunigen Konsolidierung im Pflegemarkt

Bei Betrachtung der rein betrieblichen Übernahmen von Januar bis Juni 2020 zählt die Redaktion von pflegemarkt.com in der Dealdatenbank 59 Pflegeheime (6.296 Betten), 15 Standorte von betreuten Wohnanlagen (481 Wohnungen), 14 Tagespflegen (179 Plätze), 13 ambulante Pflegedienste (1.749 versorgte Patienten) sowie 9 Wohngemeinschaften (83 Plätze).

Der Anteil an prozentualer Übernahme im Pflegemarkt

Hierbei zeigt sich auffällig, dass ein Drittel aller betrieblichen Übernahmen als rein vollstationäre Übernahme ohne Zusatzangebote am Standort (in Form von betreutem Wohnen, Tagespflege oder Wohngruppen) gelten muss. Im Kontrast hierzu stehen die Übernahmen der Immobilienbetreiber, welche bei 2.521 Pflegeheimbetten, 952 betreuten Wohnungen, 318 Tagespflegeplätzen und 118 Plätzen in Wohngemeinschaften vor allen Dingen Übernahmen tätigten, bei denen sich mehrere Angebote am gleichen Standort konzentrieren, um so einem interdisziplinären Anspruch gerecht zu werden.

Sieben Prozent aller betrieblichen Übernahmen beinhalten auch Angebote für die außerklinische Intensivpflege. Da auch der Anteil von Pflegeangeboten mit außerklinischer Intensivpflege in den entsprechenden Sektoren bei rund 7 Prozent liegt, zeigt sich das Segment der Intensivpflege weiterhin als ansprechendes Asset.

Dealvolumen mit Steigerung im Vergleich zum Vorjahr

Beim Vergleich des ersten Halbjahres 2019 mit dem aktuellen Halbjahr 2020 verzeichnet dieses Jahr einen leichten Anstieg im Bereich der betrieblichen Übernahmen. So wurden im 1. HJ 2020 mehr Pflegeheimbetten (6.296) in betriebliche Übernahmen eingeschlossen als noch im 1. HJ 2019 (5.517). Auch im Bereich des betreuten Wohnens (481 zu 444) verzeichnet die Dealdatenbank einen Anstieg an Gesamtübernahmen. Im Bereich der Tagespflege (179 zu 243) verzeichnet das Jahr 2020 erste Abstriche – im Bereich der ambulanten Pflege sorgte die Übernahme der Bonitas durch Advent für einen deutlichen Effekt im Frühjahr 2019, der im laufenden Jahr bislang noch nicht erreicht wurde.

Vergleich Immobilien und Betriebsübernahmen

Insgesamt waren von Januar bis Juni 2020 insgesamt 0,7 Prozent aller Pflegebetten in Transaktionen eingeschlossen. Bei ausschließlicher Betrachtung des privaten Marktes steigt der prozentuale Anteil auf 1,7 Prozent. Wie bereits im vergangenen Jahr sind auch Plätze in Wohngemeinschaften ein bevorzugtes Ziel strategischer Übernahmen – 0,5 Prozent aller Plätze in Wohngemeinschaften waren Teil einer betrieblichen Transaktion.

Doch welche Betriebe und Immobilien wurden überhaupt übernommen? Auch hier zeigen sich einige interessante Gemeinsamkeiten: So sind die übernommenen Pflegeheime im Schnitt größer (97 Plätze) als der Bundesdurchschnitt (77 Plätze). Gleiches gilt auch bei den Standorten für betreutes Wohnen (52 Wohnungen – Bundesschnitt: 46) und Pflegediensten (146 versorgte Patienten – Bundesschnitt: 121).

Zwei neue Player durch Übernahmen: Argentum Pflege Holding und Erlbau Deggendorf

Die größten Übernahmen des bisherigen Jahres fallen dabei auf Betreiber, die mit diesen Übernahmen neu in den Markt eingestiegen sind. Die von Alexander Bart gegründete Argentum Pflege Holding GmbH hat die Deutsche Pflege und Wohnstift GmbH übernommen und tritt damit in die Riege der Top-30-Pflegeheimbetreiber 2020 ein. Die Argentum wurde erst 2018 gegründet und übernahm im Laufe der letzten zwei Jahre mehrere Pflegeheime, ehe sie im November 2019 die Übernahme der DPUW Deutsche Pflege und Wohnstift GmbH einläutete, welche im Januar 2020 vom Bundeskartellamt genehmigt wurde. Zuvor gehörte die DPUW zur Armonea, welche im Verbund mit Colisée den vierten Platz der größten europäischen Betreiber für Pflegeheime einnahm. Zuvor arbeitete Alexander Bart bereits bei Charleston (Rang 18 der Top-30-Pflegeheimbetreiber 2020) – unter seiner Führung gehörte der Pflegeheimbetreiber zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen am Pflegemarkt. Auch im Voraus sammelte der Geschäftsführer Erfahrung in der Pflege: Als CFO der Orpea Gruppe arbeitete er bereits beim heutigen Platz 4 der Top-Pflegeheimbetreiber. Die Argentum Pflege Holding GmbH betreibt somit in Deutschland ca. 3.000 Pflegeplätze in den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Berlin. Weitere Standorte sind laut Firmenangaben in Planung und Entwicklung.

Einen ebenfalls starken (Wieder-)Einstieg in den Pflegesektor wagte Quadriga Capital, welche der Medical Senioren-Park Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in Essen bei ihrer Unternehmensnachfolge half und somit die Weichen für die Zukunft stellte. Zusätzlich markierte die Übertragung von sechs stationären Einrichtungen der Convivo Gruppe den Beginn für einen nachhaltigen Aufbau eines neuen Pflegeheimdienstleisters.

Der dritte neue Player am Markt in diesem Jahr ist die ERLBAU Deggendorf GmbH & Co. KG. Diese wirkte beim Gesellschafterwechsel der NOVITA Leben im Alter GmbH mit. Die familiengeführte ERL Immobiliengruppe aus Deggendorf erwarb die Anteile und folgte somit auf die ebenfalls ursprünglich familiengegründete NOVITA der Gebrüder Hofmann. Das Unternehmen aus Deggendorf, das als Spezialist in der Projektentwicklung und dem Bau von Wohnformen für das Alter gilt und in diesem Bereich bereits über 80 Projekte realisiert hat, will mit dem Kauf ihr Angebotsportfolio erweitern. Neben der bisherigen Expertise soll nun auch das Betreiben von Senioreneinrichtungen einen wichtigen Unternehmensbaustein darstellen.

Betriebliche Übernahmen sind vor allem stationär geprägt

Neben den vermehrt neu eintretenden Betreibern fallen in diesem Jahr besonders die vergleichsweise starken Investitionen gemeinnütziger Betreiber auf. So übernahm die Pflegediakonie Hamburg-West/Südholdstein gGmbH die Pflege LebensNah gGmbH mit fast 800 versorgten Patienten. Die DRK Nordrhein Soziale Dienste gGmbH machte indes mit der Übernahme der Pflege- und Betreuungsdienst Michael Peters GmbH mit 144 ambulanten Versorgungen auf sich aufmerksam, während die Volkssolidarität Kreisverband Zwickauer Land e. V. den Pflegedienst Lebenslinien übernahm. Allgemein zeigt sich die große Investitionsfreude der gemeinnützigen Betreiber im ambulanten Sektor; ganz im Unterscheid zu Investoren aus dem Sektor Private Equity, welche überwiegend rein stationäre Standorte erwarben. Die Zukäufe der Strategen wie Korian Gruppe, Orpea oder Pro Seniore waren in Hinsicht auf stationäre Übernahmen (7), Komplexbetriebe (6) und Übernahmen ambulanter Dienstleistungen (6) deutlich ausgewogener.

Entgegen der Investitionsfreude neuer und gemeinnütziger Betreiber zeigten sich die Top-Betreiber im ersten Halbjahr nicht großflächig vertreten. Nur die Korian Gruppe fällt hier mit der Übernahme der Qualivita (11 Pflegeheime mit fast 800 Betten sowie knapp 120 betreuten Wohnungen) gesondert auf. Andere bekannte Betreiber wie Alloheim, Convivo, Cosiq und Livreo verzeichneten eher einzelne Zukäufe zum Ausbau des eigenen Portfolios.

Fazit

Der Markt für Pflegedeals wächst weiterhin – besonders auffällig ist dabei das Entstehen neuer großer Betreiber durch Übernahmen bereits vorhandener komplexer Angebotsstrukturen, was die Konsolidierung des Marktes stärker vorantreibt. Betriebliche Übernahmen zeigen sich dabei im ersten Halbjahr vor allem als strategische Zukäufe mit breitem Angebotsspektrum; eine Taktik der auch Immobilieninvestoren aktuell nachzugehen scheinen. Private Equity läuft diesem Trend mit der Übernahme von maßgeblich stationären Betrieben entgegen.


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