Top 40 unter 40 im Interview: Etienne Maurer und Jens Brettschneider von Argentum

Vor einigen Tagen veröffentlichte unsere Redaktion die Liste der Top 40 unter 40 im Management der Pflege, welche Sie hier einsehen können. Im Zuge dessen hatten wir die Gelegenheit mit einigen der Nominierten Interviews über den aktuellen Stand des Pflegemarktes, ihre Herausforderungen und Pläne für die Zukunft sprechen zu können.
So auch mit Etienne Maurer und Jens Brettschneider von der Argentum Gruppe, welche zu den am stärksten wachsenden Betreibern im Pflegemarkt der letzten Jahre gehört.


Wie bewerten Sie bisher das Jahr 2022 für Ihr Unternehmen?

Brettschneider: Eine hervorragende Qualität stand in 2022 im Mittelpunkt. Für die Bewohner und Mitarbeiter konnte wieder einiges erreicht werden: Zahlreiche Bewohnerzimmer wurden vollständig renoviert und mit neuen Möbeln ausgestattet. In vielen Fällen wurden sogar die gesamten Wohnbereiche neu hergerichtet.

Die Renovierung im laufenden Betrieb ist eine unserer Stärken. Das Gros der am Markt agierenden Pflegeheim-Betreiber macht so etwas gar nicht. Zum einen ist es organisatorisch komplex, zum anderen stehen oft die entsprechenden finanziellen Mittel nicht bereit. Unsere Bewohner, sowie Angehörige und Mitarbeiter zeigen sich auch hochzufrieden.

Neben Sanierungen konnten wir in 2022 auch hochmoderne Neubauten eröffnen: In Bochum ist eine vollstationäre Einrichtung mit Intensivpflege und Betreutem Wohnen an den Start gegangen und in Stemwede haben wir einen neuen Anbau eröffnet. Bewohner und Angehörige schätzen es besonders, dass die Einrichtungen einen sehr wohnlichen Charakter ausstrahlen. Gleichzeitig ist die in der Pflege erforderliche Funktionalität sichergestellt. Es ist immer ein schmaler Grat sowohl die pflegerischen Bedürfnisse als auch die Wohnlichkeit und die Atmosphäre unter einen Hut zu bekommen.

Maurer: Im Allgemeinen kann ich mich den Ausführungen von Herrn Brettschneider nur anschließen. Wir sind sehr zufrieden mit dem bisherigen Jahr, insbesondere was die pandemischen Herausforderungen angeht, hatten wir nur vergleichsweise wenige Infektionen zu verzeichnen und konnten unter gleichbleibender Qualität unsere Bewohner versorgen… Wir konnten uns hierbei auf den starken Rückhalt unserer Mitarbeiter verlassen, die flexibel dabei halfen auch schwierige Personalstrukturen zu meistern. Daher auch nochmals an dieser Stelle ein ausdrückliches Lob an unsere Mitarbeiter!

Gibt es bereits absehbare Meilensteine, die Sie für den Rest des Jahres vor Augen haben?

Brettschneider: Es stehen weitere Neueröffnungen in den Startlöchern. Zum Beispiel in Hohenlockstedt – dort entsteht ein umfangreicher Anbau und das Bestandsgebäude wird vollständig saniert. Auch hier achten wir auf einen besonders wohnlichen Charakter für unsere Bewohner. Wir beobachten zunehmend, dass Bewohner und Angehörige genau prüfen, welche Einrichtung die beste Wahl ist. Man setzt sich bei einem exzellenten Haus lieber auf die Warteliste, als anderweitig große Kompromisse einzugehen. Nun warten alle darauf, dass wir die Tore öffnen.

Auch das Thema Energie spüren wir aktuell deutlich, weswegen wir mit unseren Immobilienpartnern alles daran setzen unsere Gebäude auf einen modernen energetischen Standard zu bringen. Dank besserem Energiestandard können wir auch unsere laufenden Kosten minimieren. Neue Konzepte entwickeln wir gemeinsam mit unseren Immobilienpartnern. Dazu zählt auch, z.B. Reha-Kliniken oder Hotels zu Pflegeeinrichtungen umzubauen.

Für 2022 freuen wir uns natürlich, wenn sich weitere Pflegeeinrichtungen unserem Verbund anschließen. Dies erfolgt oft als Nachfolge-Lösung oder über den Vermieter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Einrichtung bleibt weitestgehend eigenständig geführt und erhält Unterstützung durch gemeinschaftliches Facility Management, Marketing, IT, und Buchhaltung. Auch der Vermieter profitiert: Er weiß genau, dass die Miete sicher und pünktlich bei ihm ankommt.

Maurer: Weitere Meilensteine stellen z.B. die Digitalisierung und damit einhergehende Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur dar sowie die Erfüllung der politisch bedingten Änderungen – Thema Tariftreue. Die kurzfristig umzusetzenden Anpassungen stellen einen Meilenstein für die gesamte Branche dar.

Bleiben wir doch bei dem Thema Tariftreue – welchen Einfluss hatte diese Entscheidung bislang auf Sie?

Maurer: Das muss man differenziert betrachten. Die Tariftreue tritt am 01.09.2022 in Kraft. Hier gab es in der Vergangenheit immer wieder die Bitte, auch von Interessensvertreten wie dem bpa oder dem VDAB, einen weichen Übergang zu schaffen, dem sind die Gesetzgeber aber leider nicht gefolgt.

Die Herausforderung die damit verbunden sind – sowohl bei den Kostenträgern als auch bei den Betreibern, zur Freigabe und der Refinanzierung sind leider weder eindeutig noch vollumfänglich geklärt. Es gab zuletzt noch viele offene Fragestellungen und es wird bis zuletzt sehr knapp; doch am Ende muss das Pflegeheim die Regelungen bis zum 01.09. umgesetzt haben; das ist – schlicht gesagt – eine enorme Herausforderung. Hier hat man versäumt die Fragestellungen, die bereits seit Anfang des Jahres auf dem Tisch lagen aus dem Weg zu räumen.

Bedauerlicherweise erscheint die Anerkennung, die den Mitarbeitern in Form der Tarifpreisbindung zukomme, soll, nicht das Wohl des Bewohners zu fördern. Neben der bereits unter den Erwartungen ausgefallenen Deckelung des Eigenanteils zeigt sich nun eine gegenteilige Entwicklung, da die Tariftreue sich auf den Eigenanteil der Bewohner auswirken wird. Das wird in der gesamten Pflegebranche spürbar sein.

Da stellt sich die Frage: Ist Pflege noch bezahlbar? Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssen. Das ist eine traurige Vorstellung.

Brettschneider: Wir denken auch sehr an unsere Bewohner und haben diese Informiert und beraten – wir haben es als unsere Aufgabe gesehen aufzuklären, aktiv zu informieren und auch aufzuzeigen, dass die Preiserhöhungen, die nun folgen werden, von uns eben aufgrund der Tariftreue umgesetzt werden müssen.

Gibt es etwas, das Sie den anderen Top 40 unter 40 mit auf den Weg geben möchten?

Maurer: Wir kennen natürlich nicht alle Betreiber in den Top 40 persönlich, was wir aber gerne mit auf den Weg geben möchten ist der Appell zum vorausschauenden Handeln. Auch gerne ein gemeinsames Handeln in Bezug auf regulatorische Entscheidungen in der Pflege. Man muss sich ganz konkret zu den Entwicklungen positionieren und die damit verbundenen Hürden zur Sprache bringen, damit solche Schnellschüsse aus der Politik, wie die Deckelung der Eigenanteile, oder die Tariftreue, näher und ausführlicher beleuchtet werden.

Brettschneider: Auf die Bedürfnisse der Bewohner achten.


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