Der Pflegemarkt befindet sich seit Jahren im Wandel – geprägt von wachsender Nachfrage, steigendem Kostendruck und einer zunehmenden Dynamik bei Trägerstrukturen. Vor diesem Hintergrund sind in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Betreiber entstanden, die mit neuen Konzepten und ambitionierten Wachstumszielen in den Markt kommen. Dazu zählt auch die Neue Humane Pflege mit Sitz in Dortmund um Geschäftsführer Ulrich Zerhusen und Stephan Kohorst. Pflegemarkt.com konnte in einem exklusiven Interview mit Ulrich Zerhusen über die strategische Ausrichtung und Vision des Unternehmens sowie über das aktuelle Marktgeschehen sprechen.
Pflegemarkt: Die Neue Humane Pflege wurde erst im August vergangenes Jahr gegründet und gehört bereits zu den besonders dynamisch wachsenden Betreibern. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Wachstumstreiber?
Zerhusen: Ich glaube, dass wir in der ambulanten Pflege an einem Zeitpunkt sind, an dem einfach viele ambulante Dienste ein starkes Dach suchen. Wir haben in der ambulanten Pflege mehrere Engpässe: Zum einen muss man eine vernünftige Wirtschaftlichkeit erreichen, zum anderen steht das Thema Recruiting, also die Gewinnung von Fachkräften im Fokus.
Darüber hinaus haben wir auch viele Dienste, die in Bezug auf das Thema Nachfolge überlegen müssen, wie es weitergeht. Und wir wollen nicht einfach die nächste Kette sein, die eine Buy-and-Build-Strategie verfolgt und einfach wahllos vom Finanzkapital getrieben kauft, sondern uns ist es als Familienunternehmer wichtig, einen echten Mehrwert für die Einrichtungen zu bieten. Dafür sind wir mit der Neuen Humanen Pflege angetreten. Bei uns kann man daher auch Minderheitsgesellschafterin oder -gesellschafter bleiben. Man kann entweder 100 Prozent der Unternehmensanteile verkaufen, aber auch ab 51 Prozent der Anteile, sodass man als Inhaber noch 0 bis 49 Prozent der Anteile behält. Außerdem geht es darum, dass man auch echte Vorteile dadurch hat, wenn man sich einem starken Verbund anschließt. Wir bieten Zugang zu Expertise, Prozessen und Standardlösungen an, vor allem Unterstützung wie man entsprechende Digitalisierungstools in bestehende Prozesse integrieren kann.
Viele Einrichtungen stehen derzeit vor einer Phase grundlegender Transformation. Für viele stellt sich daher die Frage, ob noch einmal gezielt investiert werden muss, um sich für die kommenden Veränderungen gut aufzustellen. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege wird dabei häufig eine Sorge deutlich: Viele haben das Gefühl, dass sie den wachsenden Herausforderungen allein kaum noch gewachsen sind und befürchten, von den Herausforderungen der Branche weggefegt zu werden.
Gleichzeitig gibt es bei vielen auch den Wunsch, das eigene Lebenswerk in gute Hände zu übergeben und nicht einfach an eine beliebige Kette weiterzuverkaufen. Ebenso spielt die Angst eine Rolle, die Einrichtung im schlimmsten Fall schließen zu müssen. Vor diesem Hintergrund sind viele dankbar, wenn sich die Möglichkeit ergibt, ihr Lebenswerk verantwortungsvoll weiterzugeben und gleichzeitig vielleicht noch Teil des Unternehmens zu bleiben. Mit einem starken Partner an der Seite ist das wie ein positiver Schulterschluss.
Pflegemarkt: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer organischen und anorganischen Wachstumsstrategie in Bezug auf Geografie, Sektoren und Größe? Und wofür steht Neue Humane Pflege strategisch – was unterscheidet Sie vom Wettbewerb?
Zerhusen: Ein Ziel, das wir verfolgen, ist es, eine deutschlandweite Gruppe aufzubauen. Das grundsätzliche Ziel aber, warum ich zusammen mit meinem befreundeten Unternehmer und Geschäftspartner Stephan Kohorst die Neue Humane Pflege gegründet habe, ist ein anderes. Was uns umgetrieben hat, war die Frage, welche Strukturen es braucht, damit eine menschliche, humane Pflege in Zukunft weiterhin möglich sein wird? Daher haben wir den Namen Neue Humane Pflege auch bewusst gewählt.
Wir sind beide Familienunternehmer und auch ich bin schon seit 15 Jahren als Unternehmer im Bereich der Pflege unterwegs. Mich hat einfach immer mehr die Sorge umgetrieben, dass viele ambulante Pflegedienste nicht mehr aus eigener Kraft bestehen können, insbesondere unter den Herausforderungen, die wir aktuell haben.
Ich bin dazu viel im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die ambulante Dienste oder andere Pflegeunternehmen führen. Viele sagen ganz klar, dass sie es auf Dauer möglicherweise nicht mehr aus eigener Kraft schaffen werden. Genau an diesem Punkt setzt auch die Grundidee der Neuen Humanen Pflege an: Welche Strukturen braucht es, dass einzelne Pflegeunternehmen echte Entlastung haben? Welches digitale Tool führe ich als nächstes ein? Wie können wir KI sinnvoll einsetzen? Welche Förderungen nutzen wir und wie geht das?
Darüber hinaus haben wir auch rechtliche Fragestellungen. Das alles sind Beispiele für Fragen, mit denen die Einrichtungen aktuell konfrontiert sind und oftmals zur Überforderung führen. Die Pflege selbst ist oft nicht das Problem, sondern alles, was organisatorisch und bürokratisch drum herum entsteht. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich in meinem Unternehmen 50, 500 oder 5.000 Mitarbeitende beschäftige, alle stehen vor den gleichen Herausforderungen und müssen Lösungen finden. Und gleichzeitig sind wir aber in einer Branche unterwegs, in der es eigentlich zu vielen Themen schon tolle Lösungen gibt. Um das festzustellen, reicht ein Blick auf die Altenpflegemesse oder Pro Care, wo immer wieder zahlreiche Lösungen vorgestellt werden.
Wir haben daher keinen Mangel an Lösungen für die Probleme, die wir in der Pflege als Betreiber haben, sondern wir haben einen Mangel an Prozessen, die schon mit diesen Lösungen zusammen gedacht werden.
Die Neue Humane Pflege ist keine reine Buy-and-Bild-Strategie, sondern wir stellen einen kompletten Prozess von A bis Z zur Verfügung, wie Pflege im Jahr 2026 sich in einem Gesamtprozess integriert, sodass wir am Ende mehr Entlastung für die Mitarbeitenden und mehr Ressourcen für die zu pflegenden Menschen haben.
Pflegemarkt: Wie bewerten Sie aktuell das Marktumfeld – und wo sehen Sie die größten Chancen und Risiken für Betreiberinnen und Betreiber?
Zerhusen: Die größten Risiken sehe ich darin, dass sie jetzt inaktiv bleiben. Wir sind gerade in einer Phase, in der sich alles ganz schnell und drastisch verändert. Ich würde diese Phase auch als Disruption beschreiben. Ich treffe aber immer wieder Betreiberinnen und Betreiber, die daran festhalten, was in den letzten 20 Jahren gut funktioniert hat. Darin sehe ich eine große Gefahr.
Ich glaube, dass wir jetzt an dem Zeitpunkt sind, sich neu zu erfinden oder komplett neu aufzustellen. Andernfalls könnte sonst ein Tipping Point erreicht werden. Das passiert in anderen Branchen auch ganz oft, dass wenn wir einen Moment der Disruption in der Branche erreichen, an dem alte Geschäftsmodelle an ihre Grenzen gekommen sind, man es nicht schnell genug schafft, vor die Welle zu springen, man schnell an den Punkt gelangt, an dem die Welle einen überrollt und es dann bereits zu spät ist.
Daher glaube ich, dass gestern eigentlich schon der Punkt war, an dem man in neue Prozesse, in neue Tools, in Digitalisierung, KI, etc. investieren muss. Und das bedeutet oft, dass der gesamte Prozess eines Pflegedienstes neu aufgestellt oder neu erfunden werden muss mit dem Potenzial und mit den Möglichkeiten, die wir heute haben. Und daher ist das allergrößte Risiko, das ich gerade wahrnehme, dass viele die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben oder vielleicht auch die Kraft nicht haben.
Viele sagen aber auch, dass sie die Entwicklung zwar sehen und wissen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür braucht es jedoch Investitionen, Ressourcen und vor allem Mitarbeitende, die diese Veränderungen tragen und umsetzen können. Neben den pflegerischen Fachkräften braucht es auch professionelles Management. Die Komplexität ist mittlerweile so hoch, dass jedes Pflegeunternehmen Zugang zu professionellem Management-Know-how benötigt, auch wenn das Unternehmen nur 50 Mitarbeitende beschäftigt.
Nicht jeder verfügt über die nötigen Kontakte und Mittel, sondern ich glaube, dass wir das nur in starken Verbünden gut hinbekommen. Meine Hoffnung lag lange auf den Berufsverbänden, dass diese das Know-how für gute Lösungen und Best Practices für alle zur Verfügung zu stellen. Wir müssen in anderen Verbünden denken, in der Dachorganisation sein, damit diese Lösungen, dieses Know-how, und die professionelle Management Expertise in die Breite kommen und alle Pflegeunternehmen einen Zugriff zu einem Prozess haben, wie die Pflege im Jahr 2026 organisiert werden kann. Hier sehe ich klare Chancen. Das sind 2 Seiten der gleichen Medaille. Nichts zu tun ist das größte Risiko. Die Chance ist, jetzt wirklich konsequent Veränderungen umzusetzen.
Wir erleben ein sehr heterogenes Bild: Es gibt Einrichtungen, die extrem gut aufgestellt sind, kein Personalproblem und auch teilweise zweistellige EBIT-Ergebnisse haben. In der ambulanten Pflege ist das EBIT durchschnittlich bei 2 Prozent, was ich erst kürzlich wieder in einem Branchenreport gelesen habe. Gleichzeitig gibt es auch ganz viele Einrichtungen, die wirklich kurz davor sind, dass die Lichter ausgehen. Wenn es aber wirklich nur die Rahmenbedingungen wären, dann muss man sich ja fragen, woran liegt das, dass wir so einen Unterschied innerhalb der Branche haben, weil alle ja mit den gleichen Rahmenbedingungen konfrontiert sind. Wie kann es dann sein, dass es manche Unternehmen gibt, die super funktionieren. Das meine ich nicht nur monetär gemessen, sondern auch in der Outcome-Pflegequalität. Beides gehört zusammen. Und gleichzeitig z.B. zwei Straßen weiter ein Pflegeunternehmen einfach wirklich massive Probleme hat.
Es wird immer stärker sichtbar, was professionelle Prozesse, professionelles Management für einen Hebel haben können. Also nur auf die Rahmenbedingungen schimpfen gilt nicht, denn dann würde es nicht diese positiven Abweichler geben können. Und das ist die Chance, sich immer die Best Practices anzuschauen und das, was die besser machen, in einen Gesamtprozess so zu implementieren, dass der Prozess insgesamt auch allen Anderen diese tollen Lösungen zur Verfügung stellt.
Pflegemarkt: Wo sehen Sie Neue Humane Pflege in drei bis fünf Jahren?
Zerhusen: Natürlich verfolgen wir das Ziel, weiter zu wachsen und weitere Einrichtungen unter unser Dach zu holen. Mein Ziel ist es aber auch, dass die positiven Effekte für die Pflege für den Menschen deutlich sichtbarer werden. Sowohl auf der Seite der Mitarbeitenden als auch auf der Seite der Kundinnen und Kunden bzw. Bewohnenden. Dies möchten wir zum Beispiel anhand von ersten Proof-of-Concept-Diensten und Einrichtungen zeigen. Am Anfang ist so eine Strategie manchmal noch etwas abstrakt, wenn man darüber spricht. Deswegen ist es uns wichtig, dass auch in den Einrichtungen, die schon Teil der Neuen Humanen Pflege sind, in der operativen Tätigkeit sichtbar wird, warum genau unser Ansatz ein Mehrwert für die Menschen ist. Und meine Hoffnung ist, wenn das sichtbar ist, dass wir dann auch einen noch stärkeren Pull-Effekt haben, sodass wir nicht einfach sagen, wir kaufen irgendwo irgendwelche Pflegeeinrichtungen, sondern dass immer mehr Pflegeeinrichtungen sagen, dass das ein Modell ist, dem würden wir uns proaktiv gerne anschließen, weil es allen Beteiligten echte Probleme löst.
Solche Innovationen funktionieren oft nach dem Prinzip “you need to see to believe”, also dass man es an den ersten Einrichtungen einmal sehen können muss, damit Mehrwerte sichtbar werden. Wir gehen in die Einrichtungen, sprechen mit den Menschen und können es auch zeigen und nachweisen, wo genau die Mehrwerte und Ressourcen sind, die wir aus der Verschwendung holen können, die am Ende wieder zur Verfügung stehen und wovon Menschen konkret davon profitieren können. Das ist meine Hoffnung für die nächsten drei bis fünf Jahre, in denen natürlich weitere Dienste dazu gekommen sind und die Gruppe dadurch größer geworden ist. Aber Größe per se ist kein Ziel, sondern Mehrwert. Mehrwert für die Menschen.
Pflegemarkt: Wenn Sie einen Wunsch an unsere Gesundheitsministerin äußern könnten, was würden Sie sich für die Pflege wünschen?
Zerhusen: Mehr Zutrauen an die einzelnen Unternehmen und auch an die Unternehmerinnen und Unternehmer. Also mehr Freiheit. Ich glaube, dass politisch versucht wird, auf die Herausforderungen der Zukunft (die nicht größer sein könnten), Lösungen vom Schreibtisch aus Berlin heraus zu finden. Und diese dann nach dem Motto “one size fits all” auf alle herunterzubrechen. Gewisse Leitplanken müssen sein, jedoch wünsche ich mir, dass die Lösungen der Zukunft da entstehen werden, wo wir Pflegeunternehmen (beispielsweise der Neuen Humanen Pflege) zutrauen, sich ausprobieren zu dürfen, also einen gewissen Freiraum zu haben, weg von der Überregulierung.
Die Idee wäre zu sagen, dass man ein gewisses Budget für Digitalisierung hat, und ausprobieren kann welches Tool man an welcher Stelle der Prozesskette einsetzen kann. Das alles kann man nicht immer in den zwölfmonatigen Pflegesatzverhandlungen mit Sachbearbeitenden diskutieren. Das ist absolut innovationsfeindlich. Der Grund, warum wir so viele der Innovationen, die eigentlich alle schon im Jahr 2026 möglich wären, in der Pflege noch nicht in der Breite aktiv nutzen, ist das System der Refinanzierung, also das Thema dieser Pflegesatzverhandlungen.
Budgets können meiner Meinung nach festgelegt werden, in der Auswahl der Tools und dem Einsatzbereich dieser Tools sollte man jedoch frei entscheiden können. Denn wie sie diese Allokation der Mittel vornehmen, das wissen die Betriebe vor Ort selbst am besten. Das sehe ich als einen erfolgsversprechenden Schritt, damit Innovation wirklich auch in der Breite der Praxis ankommen kann.
Pflegemarkt: Auf welche digitale Errungenschaft der letzten 12 Monate könnten Sie nicht mehr verzichten?
Zerhusen: Da gibt es eine ganze Menge an Tools. Vielleicht ist es eine etwas langweilige Antwort, aber es sind die KI-Tools, vor allem Tools wie ChatGPT oder Claude. Aber ich glaube, dass man aufpassen muss, wofür man sie nutzt. Vor allem im analytischen Bereich sehe ich Erleichterungen. Zum Beispiel bei einem Pflegegutachten über 180 Seiten kann die KI mir die 3 Keyfindings sehr schnell extrahieren. Wo man aus meiner Sicht aber aufpassen sollte, ist, dass man sich nicht zu viele Texte von einer KI schreiben lassen sollten zum Beispiel für Hauszeitschriften oder LinkedIn. Man sollte diese Tools nicht als eine persönliche Beratung verwenden, sondern eher als eine analytische Hilfe.
Es gibt inzwischen unglaublich viel Wissen, Material und Lösungsansätze. Zahlreiche Studien, Modellprojekte, Förderprogramme und Zukunftskonzepte liegen bereits auf dem Tisch. Die eigentliche Herausforderung besteht heute weniger darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern vielmehr darin, aus dem vorhandenen Wissen die Essenz herauszufiltern, um sagen zu können, wo es einen quantifiziert validierten Mehrwert für die Pflege gibt.
KI-Tools für analytische Lösungen sind Tools, die für uns in der Pflege ein Riesenthema sind. Ich fand es zum Beispiel toll, dass Patrick Kremer den Innovationspreis bei der Pro Care gewonnen für den Einsatz von KI-Tools in seinem ambulanten Pflegedienst “Pflegedienst Kremer”. Das zeigt, dass, wenn man es richtig macht, viele Chancen und Möglichkeiten bestehen. Er ist ein echter Vorreiter, der inspiriert. Das ist ein guter Best Practice Case, den man auf andere übertragen könnte. Und genau das ist die Idee der Neuen Humanen Pflege.


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