Der Pflegemarkt befindet sich seit Jahren im Wandel – geprägt von wachsender Nachfrage, steigendem Kostendruck und einer zunehmenden Dynamik bei Trägerstrukturen. Vor diesem Hintergrund sind in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Betreiber entstanden, die mit neuen Konzepten und ambitionierten Wachstumszielen in den Markt kommen. Dazu zählt auch die Livora Holding GmbH mit Sitz in Lingen um Geschäftsführer Chris Steinemann und Jan-Hendrik Strubbe. Pflegemarkt.com konnte in einem exklusiven Interview mit Chris Steinemann über die strategische Ausrichtung und Vision des Unternehmens sowie über das aktuelle Marktgeschehen sprechen.

Pflegemarkt: Die Livora Holding wurde erst im August vergangenes Jahr gegründet und gehört bereits zu den besonders dynamisch wachsenden Betreibern. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Wachstumstreiber?

Steinemann: Der wichtigste Wachstumstreiber war aus meiner Sicht eine Kombination aus klarer strategischer Fokussierung und unternehmerischer Geschwindigkeit. Das bedeutet: kurze Entscheidungswege, hohe operative Kompetenz und eine klare Haltung dazu, wie gute Pflege organisiert sein muss.

Ein zweiter Faktor ist sicherlich unser sehr selektiver Blick auf Akquisitionsmöglichkeiten. Der Markt bietet derzeit viele Situationen, in denen Einrichtungen wirtschaftlich unter Druck geraten sind.

Häufig jedoch nicht, weil das Pflegeangebot an sich nicht funktioniert, sondern weil Strukturen, Prozesse oder Finanzierungen nicht optimal aufgestellt sind. Genau hier sehen wir unsere Stärke: Wir schauen uns sehr genau an, wo durch operative Verbesserung, Personalentwicklung und Prozessoptimierung wieder stabile Strukturen geschaffen werden können.

Darüber hinaus hilft uns, dass wir Livora von Anfang an sehr digital gedacht haben. Wir investieren früh in digitale Systeme, weil wir überzeugt sind, dass professionelle Strukturen die Grundlage für nachhaltigen Geschäftsbetrieb sind.

Und nicht zuletzt spielt auch das Team eine große Rolle. In der Pflege entscheidet letztlich die Motivation der Menschen, die Verantwortung übernehmen. Wir versuchen deshalb bewusst ein Umfeld zu schaffen, in dem Führungskräfte Gestaltungsspielraum haben und sich mit der Entwicklung der Einrichtungen identifizieren können.

Pflegemarkt: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer organischen und anorganischen Wachstumsstrategie in Bezug auf Geografie, Sektoren und Größe?

Steinemann: Geografisch konzentrieren wir uns aktuell klar auf Norddeutschland. Der Grund ist relativ pragmatisch: Wir glauben daran, dass Nähe ein wichtiger Faktor für gute Betreiberstrukturen ist. Wer Einrichtungen betreibt, muss regelmäßig vor Ort sein, Teams kennen und Entwicklungen unmittelbar begleiten können.

Inhaltlich liegt unser Fokus derzeit auf der stationären Pflege, weil dort der Bedarf besonders hoch ist und gleichzeitig viele Betreiber vor strukturellen Herausforderungen stehen. Perspektivisch denken wir aber durchaus auch über angrenzende Versorgungsformen nach – etwa betreutes Wohnen oder ambulante Strukturen – sofern diese sinnvoll in ein regionales Versorgungskonzept integriert werden können.

Was die Größe betrifft, verfolgen wir keinen Wachstumsansatz um jeden Preis. Unser Ziel ist nicht möglichst viele Einrichtungen zu betreiben, sondern ein Portfolio aufzubauen, das wirtschaftlich stabil funktioniert und qualitativ überzeugt. Wenn uns das gelingt, ergibt sich die Größe im Laufe der Zeit fast automatisch.

Pflegemarkt: Wofür steht Livora strategisch – was unterscheidet Sie vom Wettbewerb?

Steinemann: Strategisch steht Livora für den Anspruch, Pflegeeinrichtungen langfristig stabil zu betreiben und dabei Pflegequalität und wirtschaftliche Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Aus unserer Sicht ist gute Pflege immer das Ergebnis funktionierender Strukturen. Dazu gehören ausreichend Personal, klare Prozesse und eine Führungskultur, die Verantwortung übernimmt.

Viele Diskussionen im Markt drehen sich aktuell stark um wirtschaftliche Herausforderungen. Diese sind real – aber wir sind überzeugt, dass wirtschaftliche Stabilität und Pflegequalität keine Gegensätze sind. Das Eine bedingt jeweils das Andere.

Was uns dabei wichtig ist, ist ein langfristiger Blick auf die Einrichtungen. Wir verstehen uns nicht als kurzfristiger Investor, sondern als Betreiber, der Häuser über viele Jahre hinweg entwickelt. Das bedeutet auch, in Strukturen zu investieren. Beispielsweise in Personalentwicklung, digitale Prozesse oder transparente Steuerungssysteme.

Ein weiterer Punkt ist unsere Haltung gegenüber den Einrichtungen selbst. Pflegequalität entsteht vor Ort, bei den Mitarbeitenden und den Führungskräften in den Häusern. Deshalb versuchen wir nicht, alles zentral zu steuern, sondern schaffen Rahmenbedingungen, die gute Arbeit ermöglichen. Die Rolle der Livora ist es, die Einrichtungen zu unterstützen, zu entlasten und ihnen stabile Strukturen zu geben.

Unser Ziel ist letztlich, dass Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende merken: Hier wird Pflege nicht nur organisiert, sondern verantwortungsvoll gestaltet.

Pflegemarkt: Wie bewerten Sie aktuell das Marktumfeld – und wo sehen Sie die größten Chancen und Risiken für Betreiber?

Steinemann: Der Pflegemarkt befindet sich aktuell in einer Phase struktureller Neuordnung. Viele Betreiber stehen wirtschaftlich unter Druck, insbesondere durch steigende Personalkosten, komplexe Refinanzierungsstrukturen und zunehmende regulatorische Anforderungen.

Das Risiko besteht darin, dass wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass notwendige Investitionen in Strukturen und Qualität ausbleiben. Wenn Betreiber dauerhaft nur reagieren können, statt strategisch zu handeln, entstehen langfristig Instabilitäten im System.

Gleichzeitig sehe ich aber auch eine große Chance für Betreiber, die bereit sind, ihre Organisationen konsequent zu professionalisieren. Der Bedarf an Pflege wird in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. Einrichtungen, die ein gutes Arbeitsumfeld bieten und professionell geführt werden, haben langfristig sehr stabile Perspektiven.

In gewisser Weise erleben wir gerade eine Marktphase, in der sich entscheidet, welche Betreiberstrukturen langfristig tragfähig sind.

Pflegemarkt: Wo sehen Sie Livora in drei bis fünf Jahren?

Steinemann: In drei bis fünf Jahren sehe ich Livora als etablierten Betreiber mit einem regional klar fokussierten Portfolio von Pflegeeinrichtungen. Wichtig ist mir dabei weniger eine bestimmte Zahl von Häusern, sondern dass wir eine Organisation aufgebaut haben, die stabil funktioniert und nachhaltig wachsen kann.

Ich wünsche mir, dass Livora einen Raum bietet, in der sich Mitarbeitende gerne engagieren und Verantwortung übernehmen. Pflege ist ein Bereich, der stark von Menschen lebt und deshalb ist Unternehmenskultur aus meiner Sicht ein entscheidender Faktor für langfristigen Erfolg.

Pflegemarkt: Wenn Sie einen Wunsch an unsere Gesundheitsministerin äußern könnten, was würden Sie sich für die Pflege wünschen?

Steinemann: Mein erster Wunsch wäre ein stärkerer und kontinuierlicher Dialog zwischen Politik und den tatsächlichen Betreibern von Pflegeeinrichtungen. Viele Entscheidungen werden auf politischer Ebene getroffen, die später direkte Auswirkungen auf den Alltag in den Einrichtungen haben. Deshalb wäre es aus meiner Sicht sehr sinnvoll, Betreiber stärker und regelmäßiger in einen offenen Diskurs einzubeziehen. Wer täglich Verantwortung für Pflegeeinrichtungen trägt, kann oft sehr konkret beschreiben, wo Regelungen gut funktionieren und wo sie unnötig komplex oder praxisfern sind.

Ein zweiter Punkt betrifft die Struktur der Refinanzierungsverfahren. Derzeit sind Prozesse und Zuständigkeiten häufig sehr heterogen organisiert, was zu erheblichen administrativen Aufwänden führt. Mein Zielbild wäre eine bundesweit stärker standardisierte, idealerweise digitale Refinanzierungsstruktur. Einheitliche digitale Verfahren könnten Verhandlungen transparenter, schneller und planbarer machen, sowohl für Kostenträger als auch für Betreiber.
Hier haben die AOK und Alloheim kürzlich gezeigt, wie eine kooperative Lösung zukünftig aussehen kann.

Darüber hinaus würde ich mir klarere und zentralere Ansprechpartner für regulatorische Fragen wünschen. Heute erleben Betreiber häufig eine Vielzahl unterschiedlicher Zuständigkeiten, je nach Bundesland oder Verfahren. Das erschwert Planung und Umsetzung erheblich. Klare Strukturen und verlässliche Ansprechpartner könnten hier viel zur Entlastung beitragen.

Insgesamt geht es aus meiner Sicht darum, Pflegeeinrichtungen mehr Zeit und Energie für das Wesentliche zu ermöglichen: die Versorgung der Menschen. Wenn regulatorische Prozesse transparenter, digitaler und strukturierter wären, würde das dem gesamten System helfen.

Und schließlich wünsche ich mir, dass Pflege stärker als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe verstanden wird. Der demografische Wandel wird dazu führen, dass immer mehr Menschen auf Pflege angewiesen sein werden. Deshalb braucht es langfristige politische Strategien, die über kurzfristige Reformen hinausgehen.

Pflegemarkt: Auf welche digitale Errungenschaft der letzten 12 Monate könnten Sie nicht mehr verzichten?

Steinemann: Eine der spannendsten Entwicklungen der letzten Zeit ist für mich ganz klar der Einsatz von künstlicher Intelligenz insbesondere im Bereich Pflegedokumentation und Verwaltung.

Pflegekräfte verbringen heute einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation. Diese ist wichtig und notwendig, bindet aber gleichzeitig sehr viele Ressourcen. Wenn künstliche Intelligenz dazu beitragen kann, diesen Aufwand spürbar zu reduzieren, hat das enorme Auswirkungen auf den Alltag in den Einrichtungen. Denn jede Minute, die nicht für Bürokratie benötigt wird, steht letztlich wieder für die eigentliche Pflege zur Verfügung.

Besonders interessant finde ich aktuell sprachbasierte KI-Lösungen, die Dokumentation direkt aus gesprochenen Informationen generieren. Anbieter wie Voize zeigen hier gerade sehr eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Technologie steckt.

Auch in der Verwaltung sehe ich große Chancen. KI kann helfen, Informationen schneller auszuwerten, Prozesse effizienter zu organisieren und administrative Aufgaben zu automatisieren.

Ich bin überzeugt, dass wir hier erst am Anfang stehen. Wenn es gelingt, durch künstliche Intelligenz auch nur zehn Prozent der Dokumentationszeit einzusparen, gewinnen wir tausende Stunden Pflegezeit zurück. Und genau darum sollte es am Ende gehen.

Über den Interviewpartner

Chris Steinemann

Chris Steinemann

Chris Steinemann ist Geschäftsführer und Gründer der Livora Holding GmbH.