Die Top 40 unter 40 im Management der Pflege

Geschäftsführer- und Geschäftsführerinnen in der Pflege stehen, heute mehr denn je, vor besonders großen Herausforderungen. Neben neu in kraft getretenen Bauvorschriften, belegen die vielen Konsolidierungen zudem die Umstrukturierungen in der florierenden Pflegelandschaft. Zudem steht neben der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens natürlich weiterhin der menschliche Faktor im Fokus. Um beiden Aspekten gerecht zu werden, benötigt die Pflege Pioniere, die – ganz gleich welche Aufgabe sie in einem Unternehmen erfüllen – mit einem untrüglichen Gespür für die neuen Möglichkeiten und Herausforderungen voran gehen. Während viele Unternehmen dabei auf erfahrene und alt eingesessene Experten setzen, gibt es immer wieder junge Menschen, die sich an die Spitze hochkämpfen und frische, innovative Ideen im Gepäck haben.

Pflegemarkt.com hat den deutschen Pflegemarkt 2019 unter die Lupe genommen und zusätzlich die Top-Unternehmen der Branche angefragt. So ist die neue Liste der Top 40 unter 40 entstanden – eine Auswahl an Frauen und Männern, die bereits in jungem Alter zu den führenden Vordenkern der Pflege gehören. Um in die Liste aufgenommen zu werden, durften die Kandidaten und Kandidatinnen selbstverständlich das vierzigste Lebensjahr zum Erscheinen des Artikels noch nicht erreicht haben.

Während im Vergangenen Jahr die Liste der Top 40 unter 40 rein stationär besetzt war, wurde sie diesmal weiter geöffnet, um Personen aus allen Sektoren Zugang zu gewähren. Somit wird sichergestellt, dass die Liste auch dem vielschichtigen Markt weiterhin gerecht wird. Um Reihenfolge zudem gerecht zu halten, wurde die Liste nach dem Alphabet sortiert.

Neu hinzugekommen sind durch diesen breiteren Fokus somit unter anderem Dean Colmsee vom advita Pflegedienst, mit welchem wir ein Interview führen durften. (Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt der Erstellung der Top 40 unter 40 war Sören Hammermüller noch bei advita, mittlerweile gehört er zur Deutschen Fachpflege Gruppe)

Top 40 unter 40 im Management der Pflege 2019

Herr Colmsee, laut Ihrer Homepage zeichnet sich advita vor allem durch „Zuhören, Eigeninitiative, das Miteinander und Zuverlässigkeit“ aus. Wo begegnen Ihnen diese Eigenschaften im Arbeitsalltag?

Colmsee: Unsere Markenwerte sind allgegenwärtig und nicht durch das Management, sondern durch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt. Diese begegnen mir jedes Mal, wenn ich in einen advita Standort komme. Dort treffe ich stets auf freundliche Mitarbeiter, die den Alltag mit unseren Bewohnern in einem geselligen miteinander verbringen. Wir verstehen sie als Leitplanken für unser tägliches Handeln. Am Ende sind alle vier Werte Ausdruck unseres Kernversprechens, der Gestaltungsfreiheit. Wir versuchen unseren Bewohner ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und all ihren Wünschen und Bedürfnissen Sorge zu tragen und gerecht zu werden. Wie könnte das funktionieren, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen und den Bewohner zu hören, um ihre Anliegen zu verstehen und zuverlässig umzusetzen?

Sie sprechen davon den Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner Sorge zu tragen, dazu kommt auch noch die Verantwortung als Geschäftsführer des Unternehmens; welche Herausforderungen haben Sie schon um den Schlaf gebracht?

Colmsee: Ich schlafe ziemlich gut und versuche die Herausforderungen der Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen, sondern vor der Haustür abzustreifen. Insbesondere mein sechsjähriger Sohn möchte dann nicht über meinen Arbeitsalltag sprechen und fordert meine gesamte Aufmerksamkeit und Energie ein. Das ist auch wichtig, um den Kopf frei zu bekommen und am nächsten Tag wieder mit neuen Ideen und einer gewissen Gelassenheit in den Tag starten zu können.

Diese neuen Ideen sind heute wohl wichtiger denn je, wie begegnen Sie den neuen Chancen und Herausforderungen des Pflegemarktes? – Personalengpass, Bauliche Vorgaben und Digitalisierung, um nur einige zu nennen.

Colmsee: Der Wettbewerb um die „Ressource“ Mitarbeiter hat sich in den letzten Jahren deutlich verstärkt, dass merken natürlich auch wir. Wir haben damit begonnen unter dem Label advita & Du eine Arbeitgebermarke zu etablieren. Hier erweitern wir kontinuierlich das Angebot und informieren alle Niederlassungen über das firmeninterne advita Journal. Neben monetären Aspekten, unterstützen wir unsere Mitarbeiter im Rahmen unserer eigenen Akademie sowohl fachlich bei Fortbildungen, als auch bei der persönlichen Weiterentwicklung. Das wird sehr geschätzt und stärkt die Bindung an das Unternehmen. Nicht zuletzt verstehen wir uns als Ausbildungsbetrieb und bilden über unsere Niederlassungen verteilt, aktuell 115 Azubis aus. Überdies entfalten unsere neuen Projekte eine starke Sogwirkung und erleichtern für die Eröffnungsphase die Mitarbeiterakquise. Das Thema Digitalisierung findet sich jetzt schon im Arbeitsalltag wieder, sowohl in der Leistungserfassung, als auch in der Pflegedokumentation. Nichtdestotrotz prüfen wir kontinuierlich Weiterentwicklungsmöglichkeiten und versuchen, unnötiges Papier zu vermeiden, um die Zeit für die Pflege zu steigern, was sowohl die Bewohner, als auch unsere Mitarbeiter freut. All diese unterschiedlichen Aspekte helfen, die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Advita versorgt Schwertpunktmäßig Patienten in den neuen Bundesländern – mit dem advita Haus Hessental in Schwäbisch Hall betreiben Sie zudem 49 Wohnungen in Baden-Württemberg. Ab Ende 2019 soll zudem eine Wohngemeinschaft für 12 Bewohner mit Demenz entstehen. Inwiefern unterscheidet sich die Pflegelandschaft aus Ihrer Sicht in den neuen Bundesländern im Vergleich zu den alten Bundesländern?

Colmsee: Der Föderalismus hat in jedem Bundesland zu einer unterschiedlichen Gesetzgebung geführt. Diese gilt es entsprechend zu beachten. Wir gehen damit offensiv um und suchen den Kontakt zu den zuständigen Behörden vor Ort. Gut 30 Jahren nach dem Mauerfall fällt es mir jedoch schwer, immer noch von neuen und alten Bundesländern zu sprechen. Hier legen wir den Fokus eher auf die Regionalität und die Mentalität. Damit haben wir bis dato gute Erfahrungen gemacht.

Portraits von Mitarbeitern der Advita Pflegedienst GmbH, fotografiert am 22.01.2018 in Wernigerode (Quelle: Advita Pflegedienst GmbH)

Bleiben wir kurz beim Thema Regionalität – wie wichtig ist ihrer Meinung nach der regionale Bezug in der Pflege?

Colmsee: Der regionale Bezug ist wichtig, um erfolgreich zu sein. Hier folgen wir der einfachen Maxime „Global denken, lokal handeln“. So achten wir stets auf die Besonderheiten vor Ort und passen uns an die jeweiligen Bedürfnisse an. Um für Mitarbeiter ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und unsere Bewohner zufrieden zu stellen, müssen Sie die Mentalität der dortigen Bevölkerung kennen und verstehen. Was in der sächsischen Provinz funktioniert, kann in einer süddeutschen Großstadt falsch verstanden werden. Das merken wir nicht zuletzt bei der Speisenversorgung, bei der wir immer besonderes Augenmerk auf die frische, saisonale und regionale Küche legen.

Advita belegte zuletzt im März den ersten Rang der Top 5 baufreudigsten Betreiber – was treibt Sie an und worauf müssen Sie bei Neubauten besonders achten?

Colmsee: Wir merken, dass wir mit dem Konzept des advita Hauses den Nerv der Zeit getroffen haben. Es vergeht keine Woche, in welcher wir nicht mindestens ein halbes Dutzend Anfragen für neue Projekte bekommen. Dabei prüfen wir im ersten Schritt den Mikro- und Makrostandort, das vorhandene Angebot, die Nachfrage, die demografische Entwicklung und die kaufmännische Machbarkeit. Zudem gehen wir offen und ehrlich auf die jeweiligen Kommunen zu und eruieren, wie willkommen wir am neuen Standort sind. Dazu kommt die Strahlkraft des angebotenen Objektes und die Verwurzelung vor Ort. Dabei ist es für uns nicht entscheidend, ob es sich um einen möglichen Neubau oder einen Umbau eines Bestandsgebäudes handelt. Am Ende beeinflussen all diese Faktoren, ob wir ein Projekt angehen wollen oder nicht. So haben wir unter anderem ein zentral gelegenes Postamt in Gotha, ein ehemaliges Finanzamt in Flöha, eine Berufsschule in Zschopau, ein barockes Schloss in Riesa oder ein Hotel in Schwäbisch Hall zu einem advita-Haus umgebaut. Überdies haben wir beispielsweise in Leipzig-Gohlis und Berlin-Friedrichshain Neubauten errichtet, die binnen zehn Monaten komplett vermietet waren.

Zum Abschluss würde ich gerne wissen, wo die Reise für advita hingeht?Colmsee: advita ist in den letzten fünfzehn Jahren um durchschnittlich 23% per anno gewachsen. Dieses starke Wachstum wollen wir natürlich beibehalten. Wir konzentrieren uns dabei zum einen auf die Verdichtung und Erweiterung unserer Angebotspalette an bereits vorhandenen Standorten, insbesondere in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Berlin. Zum anderen werden wir neue Standorte erschließen, indem wir neue advita-Häuser eröffnen. Dabei konzentrieren wir uns verstärkt auf die Rhein-Main-Achse und haben aktuell zehn Projekte vertraglich fixiert und weitere in der Pipeline. Stand heute betreibt die advita 32 Häuser und versorgt und betreut gut 4.000 Pflegebedürftige. Überdies befinden sich weitere 26 Häuser im Bau, Baugenehmigungs- bzw. Planverfahren, welche 1.122 neue Wohnungen, 192 Plätze in der außerklinischen Intensivpflege, 538 Zimmer in Wohngemeinschaften für dementiell erkrankte Menschen und 872 Tagespflegeplätze beinhalten. Es liegt also genug Arbeit vor uns und ich freue mich auf die kommenden Aufgaben und Herausforderungen.


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