Vor fünf Jahren sprachen wir erstmals mit Tomas Aubell, Geschäftsführer der Cosmea Pflege Holding GmbH – damals ein junges Unternehmen mit großen Ambitionen in der deutschen Pflegelandschaft. Jetzt, ein halbes Jahrzehnt später, treffen wir ihn erneut: Zeit für eine Bilanz und einen Blick nach vorn. Was hat sich seitdem verändert, was ist geblieben – und welche Pläne hat Cosmea für die Zukunft?
Im Interview vor fünf Jahren haben Sie den Fachkräftemangel, politische Instabilität, aber auch die zunehmende Fragmentierung des Pflegemarktes als größte Herausforderungen für den Pflegemarkt genannt. Welche Herausforderungen und auch Chancen sehen Sie heute nach fünf Jahren im Pflegemarkt?
Tomas Aubell: Die Herausforderungen im Pflegemarkt sind weiterhin groß. Besonders beschäftigen uns zwei Themen: Zum einen ändern sich die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen sehr häufig. Das ist für Träger organisatorisch und finanziell aufwendig – vor allem dann, wenn neue Vorgaben in der Praxis schwer umsetzbar sind oder nicht sauber ineinandergreifen.
Zum anderen braucht die Pflege mehr gute Führungskräfte. Die Leitung eines Pflegedienstes erfordert pflegerisches Verständnis, Führungskompetenz und kaufmännisches Denken. Gerade diese Kombination ist selten. Viele sehr gute Pflegekräfte möchten bewusst nah am Patienten bleiben und nicht in eine Führungsrolle wechseln. Deshalb ist es eine zentrale Aufgabe, Menschen zu entwickeln, die intrinsisch motiviert sind, Verantwortung zu übernehmen und Teams gut zu führen.
Darin liegt aus meiner Sicht auch eine große Chance: Gute Pflege braucht gute Führung. Wer es schafft, Führung professionell aufzubauen, kann Qualität, Stabilität und Mitarbeiterzufriedenheit nachhaltig stärken.
In Bezug auf das Thema Wachstum haben Sie uns beim letzten Gespräch erzählt, dass Sie Ihre eigene Rolle im deutschen Pflegemarkt einnehmen möchten. Ist Ihnen das in den vergangenen fünf Jahren gelungen und was waren wichtige Treiber auf diesem Weg?
Tomas Aubell: Unser Wachstum war langsamer, als wir es damals geplant hatten. Trotzdem bin ich stolz auf unseren Weg. Wir haben uns bewusst darauf konzentriert, an unseren bestehenden Standorten gute Pflege zu erbringen, ein verlässlicher Arbeitgeber zu sein und unsere Führungskräfte weiterzuentwickeln.
Ein wichtiger Treiber war die Stärkung unserer Führungsstrukturen. Wir haben Zeit investiert, damit unsere Teams und Leitungen den notwendigen Werkzeugkasten haben, um Pflegequalität, Mitarbeiterführung und wirtschaftliche Stabilität gut miteinander zu verbinden.
Dass dieser Weg funktioniert, sehen wir unter anderem an einer geringen Mitarbeiterfluktuation und wenigen Krankheitstagen. Gleichzeitig haben uns Vergütungsreformen und neue Vergütungsmodelle in den vergangenen Jahren stark beschäftigt und Wachstumskapazitäten gebunden.
Heute sehen wir: Durch klare Werte, gute Mitarbeiterführung und einen konsequenten Fokus auf Qualität haben wir unsere eigene Rolle im Markt gefunden. Wenn die Rahmenbedingungen stabil bleiben, möchten wir wieder stärker nach vorne gehen.
Vor fünf Jahren war Cosmea Pflege vor allem im Südwesten Deutschlands unterwegs. Welche Ziele verfolgen Sie heute mit Ihrer organischen und anorganischen Wachstumsstrategie in Bezug auf Geografie, Sektoren und Größe?
Tomas Aubell: Unser Fokus liegt weiterhin auf regionalem Wachstum. In den Regionen, in denen wir bereits tätig sind, sehen wir noch viel Potenzial und möchten unsere Präsenz gezielt ausbauen. Dies haben wir in den vergangenen Jahren in den Regionen Südbayern, Hessen und NRW auch konkret so umgesetzt, indem wir durch gezieltes Wachstum stärkere Cluster um unsere bestehenden Standorte herum gebildet haben.
Strategisch wollen wir vor allem dort wachsen, wo wir bestehende Strukturen, Führungskompetenz und regionale Erfahrung nutzen können. Es geht uns nicht darum, möglichst schnell möglichst viele Standorte zu eröffnen, sondern darum, in unseren Regionen verlässlich stärker zu werden.
Inhaltlich liegt unser Schwerpunkt auf ambulanter Pflege, optional ergänzt durch Tagespflege. Auch Wohngemeinschaften können perspektivisch interessant sein, wenn sie gut zu unserem Versorgungsverständnis passen.
Wir haben uns in den vergangenen Wochen intensiv mit dem Thema Qualität in der ambulanten Pflege auseinandergesetzt. Die MD-Qualitätsprüfung ambulanter Pflegedienste steht seit Jahren in der Kritik — zu formalistisch, zu wenig aussagekräftig für Pflegebedürftige. Gleichzeitig schneidet Cosmea Pflege unter den großen privaten Trägern überdurchschnittlich ab und belegt Platz drei in unserem aktuellen Ranking. Wie viel sagt so ein Ergebnis Ihrer Meinung nach wirklich über die tatsächliche Versorgungsqualität aus?
Tomas Aubell: Entscheidend ist für mich immer die Qualität im Pflegealltag: Wie verlässlich, fachlich sauber und menschlich zugewandt kümmern wir uns um die Menschen, die uns anvertraut sind?
Die MD-Prüfung bildet diese gelebte Versorgungsqualität nicht vollständig ab. Sie prüft vor allem organisatorische, strukturelle und dokumentarische Anforderungen. Dennoch halte ich sie für aussagekräftiger, als ich es anfangs vermutet hätte. Sie zeigt, ob ein Dienst professionell geführt wird und ob wichtige Prozesse funktionieren.
Ein gutes Ergebnis ist für uns deshalb ein wichtiges Indiz. Es zeigt nicht alles, was im Alltag zwischen Pflegekraft und Patient passiert, aber es bestätigt, dass unsere Strukturen, unsere Führung vor Ort und unser Qualitätsverständnis wirken. Qualität verstehen wir dabei nicht als reine Kontrolle, sondern als kontinuierliche Unterstützung unserer Teams.
Die Digitalisierung gewinnt in der Pflege zunehmend an Relevanz. Welche Rolle nimmt die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen ein und welche Digitalisierungsprojekte stehen bei Ihnen an?
Tomas Aubell: Als vergleichsweise junges Unternehmen konnten wir von Anfang an viele Prozesse digital aufsetzen. Leistungen werden digital erfasst, auch in der Verwaltung arbeiten wir weitgehend papierarm. Zudem nutzen wir digitale Werkzeuge und Apps, etwa für Dienstpläne, Arbeitszeiterfassung und organisatorische Abläufe.
Die nächste große Entwicklung sehe ich im Bereich künstliche Intelligenz. Hier sind wir aktuell noch zurückhaltend, weil Rechtsicherheit, Datenschutz und IT-Sicherheit zentrale Voraussetzungen sind. Gerade in der Pflege arbeiten wir mit sehr sensiblen Daten – damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.
Ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten zwei bis drei Jahren sehr viel verändern wird. Wenn rechtliche und technische Fragen geklärt sind und passende Lösungen verfügbar werden, kann KI den Pflegealltag deutlich erleichtern – zum Beispiel durch sprachbasierte Dokumentation oder Unterstützung bei Qualitätsprozessen.



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