Die Wohlfahrtspflege in Deutschland – ein Marktüberblick

Einleitung

Unter Wohlfahrtspflege wird die Gesamtheit aller auf freigemeinnütziger Grundlage erfolgenden sozialen Hilfe und Selbsthilfeleistungen für Leistungsempfänger verstanden. Die Wohlfahrtspflege ist ein bedeutendes Wettbewerbsfeld im deutschen Pflegemarkt. Im Vergleich zu privaten (60 Prozent) oder kommunalen (2 Prozent) Trägern werden durch die Wohlfahrtspflege bezüglich der Verteilung nach Unternehmen 40 Prozent des deutschen Pflegemarktes bedient. In Deutschland bestehen zehn große gemeinnützige Bundesverbände mit regionaler Verbandsstruktur nach Diözesen, Landes-, oder Ortsverbänden. Der folgende Artikel soll die Stellung und Struktur der Verbände der Wohlfahrtspflege im deutschen Pflegemarkt näher betrachten und in ihrer Ausprägung quantifizieren und stellt somit den Auftakt zum Wohlfahrtsmonitor von Pflegemarkt.com dar:

Übersicht über die Träger

Wohlfahrtsmonitor: Die zehn größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands auf einem Bild zusammengefasst.

Die zehn größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands auf einem Bild zusammengefasst.

Die Freie Wohlfahrtspflege ist in der Bundesrepublik Deutschland in sechs rechtlich selbstständigen Wohlfahrtsverbänden organisiert, deren Dachverband die Bundearbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) ist.

  • Arbeiterwohlfahrt (AWO)
  • Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
  • Diakonie Deutschland
  • Deutscher Caritasverband (DCV)
  • Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband
  • Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)

Daneben existieren weitere große gemeinnützige Verbände, die unabhängig vom Dachverband agieren:

  • Die Johanniter
  • Malteser
  • Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)
  • Volkssolidarität

In Ihrer Ausrichtung sind die unterschiedlichen Verbände zum einen konfessionell oder nicht konfessionell geprägt. Die Diakonie Deutschland und Die Johanniter sind evangelisch geprägt, wohingegen der Deutsche Caritasverband und der Malteser Hilfsdienst e.V. nach ihrer Konfession der römisch-katholischen Kirche angehören. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ist eine Vereinigung der Wohlfahrtsinteressen für die in Deutschland lebenden Juden und damit auch konfessionell gebunden.

Der Paritätische und Das Deutsche Rote Kreuz verfolgen vor allem einen humanitären Wohlfahrtsansatz. Ebenso der Arbeiter-Samariter Bund, der sowohl konfessionell als auch politisch unabhängig ist. Die Volkssolidarität war der zentrale Wohlfahrtsverband der ehemaligen DDR und damit wiederum politisch beeinflusst.

Die Arbeiterwohlfahrt, die in Ihrer Vergangenheit stark an die Sozialpolitik der Sozialdemokraten angelehnt war, versteht sich hingegen noch immer sehr politiknah und dürfte in Deutschland wohl den größten Einfluss auf die Sozialpolitik haben.

Hinsichtlich ihrer Tätigkeitsfelder nehmen die Wohlfahrtsverbände Aufgaben im Bereich der Gesundheitshilfe, Jugend- und Familienhilfe, Altenhilfe, Hilfe für Menschen mit Behinderung oder mit besonderen sozialen Situationen und Selbsthilfe war. Die meisten Verbände; allen voran aber das DRK, übernimmt darüber hinaus Aufgaben im Bereich der humanitären Hilfe sowie Gesundheits- und Katastrophenhilfe im Ausland. In den Ausführungen zu den einzelnen Verbänden soll der Fokus auf der Versorgung und Hilfe von Senioren liegen.

Die folgende Grafik hinterlegt die Verteilung der Tätigkeitsfelder des BAGFW nach der Anzahl der Einrichtungen.
Wohlfahrtsmonitor: Vor Allem in der Jugend- und Altenhilfe sind die Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft sehr aktiv.

Geschichte und Entwicklung

Historisch gesehen haben die Verbände der freien Wohlfahrtpflege eine lange Entwicklungsgeschichte. Sowohl der Wandel gesellschaftlicher und staatlicher Verhältnisse als auch die frühe Industrialisierung, aber auch Massennotstände und Kriege führten dazu, dass sich die organisierte Hilfeleistung für Arme, Kranke oder Menschen in Not formierte. Aus dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe entstanden nach der jüdischen und christlichen Tradition in Klöstern, religiösen Bruderschaften und Zünften die heutigen konfessionellen Träger.  Mit der weiteren Entwicklung der Städte bildeten sich auch freie Initiativen der Wohlfahrt heraus. Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich die Spitzenverbände des heutigen BAGFW:

  • Johanniterorden: aus der Ballei Brandenburg des Ritterordens des Johanniter- oder Hospitaliterordens hervorgegangen (1538), Gründung der Johanniter-Hilfsgemeinschaften (JHG) (1951)
  • Central-Ausschuss für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche (1848) als Vorläufer des Diakonischen Werks der EKD (1957, heute Diakonie Deutschland
  • Gründung der Genossenschaft der Rheinisch-Westfälischen Malteser Devotionsritter (1859) und Ausgliederung des Malteser Hilfsdienstes (1953)
  • Gründung der „Arbeiter-Samariter“ (1896)
  • Deutscher Caritasverband (1897)
  • Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (1917)
  • Arbeiterwohlfahrt (1919)
  • Die „Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz“ (1866) als Vorläufer des Deutschen Roten Kreuzes (1921)
  • Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband (1924)
  • Volkssolidarität (1945)

Finanzen

Um die Hilfeleistungen für die verschiedenen Tätigkeitsfelder finanziell zu gewährleisten, kommen aus dem Solidaritätsprinzip, dem zentralen Element der Sozialversicherung, die verschiedenen Finanzierungsquellen in Betracht. Die Finanzierung der Wohlfahrtsverbände untergliedert sich nach öffentlichen Zuwendungen aus Bund und EU, Beiträgen der Kranken- und Pflegeversicherung und Kirchensteuermitteln durch die konfessionellen Verbände. Des Weiteren kommen Ihnen Mitgliedsbeiträge sowie Spenden wie Erbe, Schenkungen und finanzielle Mittel aus der Lotterie (Aktion Mensch e.V., etc.) zugute. Am Beispiel des DRKs im Jahresbericht 2016 ergibt sich absolut und prozentual folgende Verteilung.

Wohlfahrtsmonitor: Das DRK finanziert sich vornehmlich aus öffentlichen Mitteln.

Struktur der Verbände

Wohlfahrtsmonitor: Die Diakonien sind zweifelsohne die größten Wohlfahrt Verbände am Markt.

Die zehn größten Verbände der Wohlfahrtspflege in Deutschland sollen in diesem Abschnitt allgemein sowie einzeln näher betrachtet werden. Es folgt ein allgemeiner Teil zu Portfoliostruktur der einzelnen Verbände.

Aus einer aktuellen Analyse von rund 7.000 Standortdaten in der Pflege der Top zehn gemeinnützigen Träger in Deutschland ergibt sich folgendes Bild. Die beiden größten Verbände, gezählt nach Anzahl der Einrichtungen und Leistungsangebote, sind mit Abstand die Diakonie und das Deutsche Rote Kreuz mit je rund 1.500 Einrichtungen, dicht gefolgt von der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt mit rund 1.300 Einrichtungen. Diese vier Verbände bilden rund 81 Prozent der Versorgung im gemeinnützigen Bereich innerhalb der größten zehn Träger ab. Mit etwas größerem Abstand folgen der Arbeiter-Samariter-Bund mit rund 550 Einrichtungen und die Johanniter mit rund 330 Angeboten. Die Volkssolidarität als Wohlfahrtsverband der ehemaligen DDR versorgt noch heute in 264 Einrichtungen in den neuen Bundesländern. Im ambulanten Bereich hat den stärksten Fokus die Diakonie, die rund 60 Prozent Ihres Leistungsportfolios durch ambulante Pflegedienste abbildet. Teilstationär liegt der Arbeiter-Samariter-Bund mit 18 Prozent Tagespflegen in der Verteilung an der Spitze. Der größte relative stationäre Anteil kann mit Abstand bei der Arbeiterwohlfahrt beobachtet werden. Im Betreuten Wohnen sind vor allem die kleineren Träger wie die Johanniter, die Volkssolidarität oder die Malteser mit je rund 30 Prozent ihres Portfolios stark.

Wohlfahrtsmonitor: Pflegeheime

Die freie Wohlfahrtspflege in Deutschland gehört zu den wichtigsten Säulen des Sozialstaates der Bundesrepublik. Doch trotz ihrer Größe und Bedeutung gestaltet sich die Analyse und Betrachtung der deutschen Wohlfahrtspflege aufgrund verschachtelter Strukturen als äußerst komplex. In diesem Teil des Wohlfahrtsmonitors soll die stationäre Verteilung näher beleuchtet werden.

Insgesamt machen die Pflegeheime der Wohlfahrtspflege fast 30 Prozent der Pflegeheime in Deutschland aus.

In Deutschland werden insgesamt 11.494 Pflegeheime betrieben – 5.638 davon liegen in privater Hand, 410 werden kommunal betrieben und 5.445 gemeinnützig. Der Großteil der gemeinnützig betriebenen Einrichtungen gehört dabei zu einem der großen Wohlfahrtsverbände (3.252). Somit werden knapp 30 Prozent aller deutschen Pflegeheime von den großen Wohlfahrtverbänden betrieben. Auch beim Vergleich der angebotenen Pflegeplätze wird die starke Marktmacht der gemeinnützigen deutlich. Von den rund 880.000 Pflegeplätzen in Deutschland entfällt knapp die Hälfte auf die Gemeinnützigen allgemein und zu 30 Prozent auf die Wohlfahrtsverbände selbst – die privaten Betreiber bieten 46 Prozent aller Pflegebetten an.

Zwar wächst der gemeinnützige Sektor insgesamt schwächer als der private Sektor, dennoch gibt es einige stark wachsende Unternehmen innerhalb der Wohlfahrt. Unter den Gemeinnützigen, die etwa ein Drittel aller Neugründungen der vergangenen zwei Jahre stellen, sticht die Diakonie hervor – in den neu eröffneten Einrichtungen der zum Verbund der diakonischen Träger gehörenden Unternehmen, entstanden über 1.200 Pflegeplätze in 20 Häusern.

Zwar gehören die Johanniter zu den kleineren Wohlfahrtsverbänden im Bezug auf die stationäre Marktmacht, dennoch haben die den größten prozentualen Anteil an Komplexträgern.

AWO bietet besonders große Heime an

Während die Diakonie ohne jeden Zweifel die meisten Pflegeheime (949) und Pflegeplätze (74.420) der Wohlfahrt stellt, sticht die AWO (729 PH, 62.267 Betten) aufgrund der Größe ihrer Pflegeheime hervor. Die meisten anderen Wohlfahrtsverbände bieten nur etwa bei jedem zehnten Heim mehr als 120 Plätze an. Solch große Pflegeheime machen bei der AWO jedoch 17 Prozent des Pflegeheimportfolios aus. Im Schnitt verfügen die Häuser der AWO über 86 Pflegeplätze – deutlich mehr als der Schnitt von 81 Plätzen der Wohlfahrtseinrichtungen allgemein. Auffällig ist, dass die meisten dieser großen Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen liegen (42), jenem Bundesland in dem aktuell aufgrund der 100 prozentigen Einzelzimmerquote zukünftig zahlreiche Häuser Kapazitäten abbauen müssen. Auch die Maximalgröße für neue Heime wurde bei 80 Betten gedeckelt. Welche Auswirkungen diese neuen Heimgesetze auf die Pflegeheime der AWO haben wird, muss sich noch zeigen.

Johanniter treten im Wohlfahrtsmonitor mit vielen Leistungsergänzungen in Erscheinung

Bei Betrachtung der einzelnen Standorte der unterschiedlichen Betreiber der Wohlfahrt stechen vor allem die von den Johannitern betriebenen Pflegeheime hervor. An etwa drei Viertel aller Standorte wird ein Pflegedienst angeboten, an den so gut wie immer zusätzlich eine Tagespflege angegliedert ist (74 Prozent aller Standorte). Ähnliche Komplexeinrichtungen werden auch durch die vergleichsweise eher kleinen Malteser (74 Prozent der Standorte verfügen über eine Leistungsergänzung, der  Fokus liegt allgemein vermehrt auf betreutem Wohnen ) und den auf kleine und mittlere Pflegeheime setzenden ASB (Arbeiter Samariter Bund) (71 Prozent der Standorte verfügen über eine Leistungsergänzung, der  Fokus liegt allgemein vermehrt auf Pflegediensten und Tagespflegen) zu einem überwiegenden Teil betrieben. Der starke Trend zu dieser Pflegeform zeigt sich durch die Bank hindurch bei allen Wohlfahrtsträgern – über die Hälfte aller Einrichtungen der Wohlfahrt bieten Leistungsergänzungen. Nur das DRK und die Volkssolidarität fallen im Vergleich leicht ab und agieren aktuell noch mit vielen singulären Angeboten im stationären Segment.

Besonders auffällig ist die hohe Anzahl an Pflegeheimen der beiden kirchlichen Träger im Bundesländervergleich.

Werden die Bundesländer in Vergleich gesetzt, fällt die starke Marktmacht der Diakonie deutlich ins Auge. In sieben der 16 Bundesländern sind die zugehörigen Verbände marktführend, in weiteren vier noch immer auf Platz zwei. In den neuen Bundesländern ist ihre Marktmacht sogar größer als die der Volkssolidarität, welche ihre Aktivität ausschließlich auf die östlichen Bundesländer beschränkt. In Brandenburg ist zudem der Arbeiter-Samariter-Bund auffällig, der dort eine außergewöhnlich starke Präsenz zeigt und knapp ein Viertel aller von der Wohlfahrt betriebenen Pflegeheime stellt.

Fazit Stationär

Die freie Wohlfahrtspflege in Deutschland gehört zu den größten Anbietern im Bereich der stationären Pflege und stellt einen Großteil der hiesigen Pflegeplätze. Wenngleich die flächendeckende Marktmacht und das Wachstum der Diakonie auffällt, zeigen sich bei näherer Betrachtung vor allem im Bereich der Leistungsergänzungen und Häusergrößen beträchtliche Unterschiede. Während kleinere Anbieter wie Malteser und Johanniter verstärkt auf Residenzkonzepte setzen, stechen AWO, der Paritätische und die Diakonie in der Tendenz eher mit großen Häusern hervor.

Quellen

www.bagfw.de
www.diakonie.de
www.drk.de
www.paritaet.org
www.caritas.de
www.awo.org
www.zwst.org
www.asb.de
www.johanniter.de
www.volkssolidaritaet.de
www.malteser.de


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