Interview: Pilotprojekt Buurtzorg in Deutschland

Bereits seit 2007 ist das niederländische Unternehmen Buurtzorg (auf Deutsch „Nachbarschaftshilfe“) im Bereich der häuslichen Pflege tätig und beschäftigt aktuell rund 10.000 Mitarbeiter. Interesse im Ausland weckte das gemeinnützige Unternehmen jedoch nicht aufgrund seiner Größe, sondern seinem innovativen Einsatz des Pflegepersonals: Jeder Krankenpfleger ist hier für die gesamte, breit angebotene Palette an Pflegetätigkeiten verantwortlich. So kümmern sich die Mitarbeiter neben der medizinischen Versorgung auch um die Erstellung und Umsetzung von Pflegeplänen, Verwaltung von Antragsformularen und um die Abrechnungen. Dieser ganzheitliche Ansatz sorgt für ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Zudem wird bei Buurtzorg nicht nach Pflegeleistung, sondern nach Zeit abgerechnet – ein ebenso innovativer Ansatz. Dieses Modell wird mittlerweile auch nach Deutschland getragen – angefangen bei der Sander Pflege GmbH, einem Pflegedienst in Emsdetten. Pflegemarkt.com sprach mit Udo Janning, der eines der deutschen Buurtzorg-Teams aufgebaut hat.

 Herr Janning, was hat Sie dazu bewogen das Konzept Buurtzorg aus den Niederlanden nach Deutschland zu holen?

Udo Janning leitet eines der deutschen Buurtzorg Teams in Nordrhein-Westfalen.

Mich selbst erst einmal nichts – sondern unseren Geschäftsführer Herr Gunnar Sander. Er hatte Herrn Jos de Blok (anm.d.Red.: Gründer des niederländischen Originals ‚Buurtzorg‘) einmal gehört und sich auch bereits zuvor mit neuen Möglichkeiten der Organisation beschäftigt. Zu dieser Zeit hatten wir bei uns, wie viele Pflegedienste, die Diskussion rund um Personalbindung. Allerdings kamen wir zu dem Schluss, dass es in dem jetzigen Pflegesystem kaum eine Möglichkeit gibt. Als Herr Sander dann von Buurtzorg erfuhr, war er von der Idee begeistert und knüpfte mit den Niederländern Kontakte.

Diese zogen sich immer weiter, ehe Herr Sander mich fragte, ob ich nicht dazu stoßen wollte. Alleine, das wurde klar, konnte er nicht alles abarbeiten. Als er mir das Prinzip erklärte, war ich sofort Feuer und Flamme!

Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen Buurtzorg und dem klassisch ambulanten Konzept, wie es in Deutschland aktuell betrieben wird?
Den Unterschied gibt es nicht. Es gibt aber Unterschiede. Die Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern in der Pflege ist bei Buurtzorg wesentlich höher als im jetzigen System, wo es kaum noch Anerkennung gibt. Wieso das so ist – wer da wo, wann die Schuld trägt – ist auch nicht weiter wichtig. Es hat sich irgendwann so entwickelt und mit Buurtzorg gehen wir nun dagegen an. Durch die hierachielose Teamgestaltung ist die Würdigung der Pflegenden viel höher als in „normalen“ Pflegediensten. Ich bin selbst Pflegedienstleiter und habe über die Jahre viele Teams geführt.

Und wenn ich jetzt darüber nachdenke? Ich habe meine Gruppen früher wohl ab und an eher ausgebremst. Mit meiner Person als Teamleiter konnte ich viel blockieren oder in eine falsche Richtung lenken – was ich hoffentlich nie getan habe, aber es konnte natürlich passieren. Dieses autonome Team macht einen großen Unterschied.

Die Abrechnungsform nach Stunden, statt nach dedizierten Pflegeleistungen, natürlich ebenso. Wir müssen uns nicht mehr in engen Korridoren aus Leistungsmodulen bewegen, wo alles zeitlich vorgegeben und budgetiert ist.

Wie sehen Ihre bisherigen Erfahrungen mit Buurtzorg aus?
Es ist sehr anstrengend, aber auch unfassbar interessant. Wir sind es nicht mehr gewohnt Verantwortung ins Team zu geben; alleinverantwortlich zu entscheiden. Das wurde uns abtrainiert. Doch genau das verlangt Buurtzorg nun wieder von uns: Das ich, als der, der an der Basis ist, entscheide was benötigt wird. Ich kenne die Probleme direkt und kann bestimmen was zu tun ist.

Auch die Teams müssen lernen, dass da keiner mehr ist, der ihnen alle Probleme abnimmt. Jegliche Streitigkeiten und Probleme im Team wurden mir, als Leitung, früher auf den Tisch gelegt. Jetzt jedoch müssen sie zwingend miteinander sprechen und Kompromisse finden. Das haben wir in den letzten Jahrzehnten ja kaum mehr von unseren Mitarbeitern verlangt. Wir müssen diese Kommunikation jetzt erst wieder lernen. Das ist anstrengend, aber ich kann jetzt schon feststellen, dass sich die Teams wahnsinnig gut entwickeln und Fähigkeiten an den Tag legen, die so im alten System nicht zu erreichen waren.

Buurtzorg hilft also nicht nur dem Patienten, sondern auch dem Pflegepersonal sich menschlich weiter zu entwickeln?
Auf jeden Fall. Wir alle in der Pflege wissen, dass wir sehr genau sehen was einem Patienten fehlt. Ich war nicht selten frustriert, wenn ich mit Vorschlägen kam und weder bei Kassen, noch Ärzten oder Angehörigen auf Gehör gestoßen bin. Buurtzorg ist für uns eine Riesenchance zu zeigen, dass wir Verantwortung haben und diese auch wahrnehmen können.
Jedes Jahr werden wir dazu angehalten aktivierend zu pflegen und mit Buurtzorg ist dies auch wirklich möglich.

Das deutsche Buurtzorg gilt aktuell als Pilotprojekt, das nur mit einer Sonderregel der Krankenkassen Nordrhein-Westfalens umgesetzt werden konnte. Was erwies sich als die größte Herausforderung in den Verhandlungen?
Die einzige Herausforderung war eigentlich den Kontakt herzustellen. Es war zwar nicht so geplant, aber wir leben aktuell in einer Zeit, in der das Thema Pflege allgegenwärtig ist und jeder das Thema auf dem Schirm hat. Viele zweifeln mittlerweile an dem System und daher war es eigentlich gar nicht so schwierig mit den Kassen ins Gespräch zu kommen. Die waren relativ zügig alle an einem Tisch und haben sich angehört was wir zu sagen hatten. Es war niemand dabei, der von Anfang an gesagt hätte, dass das nicht funktionieren kann. Alle fanden die Idee gut, hatten aber ihre Zweifel wie man das hierzulande umsetzen kann. Doch die Mitarbeit war signalisiert. Wir haben uns also immer wieder getroffen und engmaschig mit dem MDK zusammengearbeitet, um mögliche rechtliche Bedenken angehen zu können. Ich empfinde die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen als sehr positiv; wir arbeiten hier Hand in Hand. Natürlich gibt man uns Regeln vor, nach denen wir spielen müssen. Aber große Schwierigkeiten, dass die Kassen gar nicht mit uns sprechen, oder gegen unsere Vorschläge sein würden, sind nicht aufgetreten. Dabei ist die eigentliche Pilotprojektphase noch gar nicht wirklich gestartet. Seit April dürfen wir zwar schon – mit Ausnahme von Behandlungspflegen – nach dem neuen System abrechnen, der große Antrag für den Start des Projektes ist allerdings noch bei den Kassen. Wir erwarten, dass wir nach den Sommerferien die lange Pilotphase über zwei bis drei Jahre anstoßen können. Mit wissenschaftlicher Begleitung, Fachhochschulen und allem was benötigt wird, um belastbare Aussagen zu erhalten.

Das niederländische Buutzorg ist ein gemeinnütziges Projekt – kann es nur auf dieser Basis funktionieren, oder ist die Arbeitsweise auch für ein privates Unternehmen vorstellbar?
Vorstellbar ist es auf jeden Fall. Momentan reden wir noch nicht von Erträgen und die Non-Profit-Form in den Niederlanden hat auch ihre Berechtigung, aber aktuell haben wir uns da noch gar kein Ziel gesetzt. Unsere Geschäftsführer wissen, dass das System vorerst nicht kostendeckend sein wird. Die Vergütungsvereinbarungen mit den Kassen sind sehr, sehr niedrig angesetzt – wenngleich man uns auch gesagt hat, dass man seitens der Kassen zu Nachverhandlungen bereit ist, sollte das Geld nicht ausreichen.

Buurtzorg hat aber selbst in den Niederlanden drei Jahre gebraucht, ehe es kostendeckend gearbeitet hat
Damit rechnen wir auch. Wenn wir irgendwann, in sechs oder sieben Jahren, ein oder zwei Prozent Gewinn machen würden – und das ist das Ziel – dann haben wir uns vorgenommen, diese auch wieder zu reinvestieren. In die Teams, in neue Standorte und all das. Unser Ziel ist, wie in Holland, dass es sich erst einmal selbst tragen soll. Und davon sind wir aktuell noch weit entfernt. Aber wir sind zuversichtlich.

Die Abwicklung bürokratischer Prozesse wie Dienstpläne und Patienteninformationen wird online durchgeführt um Papierkram zu vermeiden – hat die neue DSGVO hier für Probleme gesorgt?
Da sind mit Sicherheit noch nicht alle Unklarheiten beseitigt. Wir dokumentieren  digital und mit Hilfe von Tablets, da sind also sensible Daten gespeichert – diese sind zwar natürlich verschlüsselt, aber wir sind auch darauf angewiesen, dass die Daten weiter versendet werden. Wenn wir uns vernetzen, müssen Ärzte und Kassen schließlich darauf zugreifen können. Wir haben uns mit allen Beteiligten bereits zusammengesetzt, und suchen aktuell den besten Lösungsweg. Aktuell arbeiten unsere Mitarbeiter aber noch nicht vollumfänglich mit dem System – der wirkliche Start, weg vom Papier, soll erst dann geschehen, wenn wir alle Unklarheiten beseitigt haben.

Welche Geschichte, die Sie im letzten Jahr erlebt haben, wäre ohne Buurtzorg nicht möglich gewesen?
Es gab eine Patientin, deren Ehemann ein Jahr zuvor – als wir sie noch nicht kannten – verstorben war. Eines Morgens betraten wir das Haus, um eine ganz normale Körperwaschung durchzuführen. Sie wirkte an diesem Tag jedoch bedrückt und gab auf Nachfrage an, dass sich der Todestag ihres Mannes zum ersten Mal jährte.

Sie war sehr traurig und weinte sogar – Dienst nach Vorschrift war hier einfach nicht angebracht. Wir konnten uns, dank Buurtzorg, statt der Pflege die sonst abgerechnet worden wäre, die Zeit nehmen, zusammen mit der alten Dame durch alte Fotoalben mit Bildern ihres Mannes zu blättern.
Im alten System nicht abrechenbar – eher noch unerwünscht, da man wertvolle Zeit für Dinge verwandte, die nicht unter Pflegeleistungen fielen. Aber unsere Mitarbeiterin kam sehr glücklich von der Seniorin zurück und berichtete, wie gut es der Dame getan hatte sich einfach mal alles von der Seele reden zu können.

Da es sich hier um aktivierende Pflege handelt, können wir es sogar abrechnen. Wir unterscheiden nicht in der Wertigkeit eines pünktlich gegebenen Medikaments oder dem Spenden von Trost. In jedem Moment passend entscheiden können, was für den Patienten am besten ist: Das ist Buurtzorg.

Sehen Sie eine Chance für Buurtzorg Deutschlandweit eingesetzt zu werden?
Ja – auf jeden Fall! Ich mache all dies ja nicht, nur damit es bei mir in der Region gut funktioniert. Mein persönliches Ziel wäre es, dass Kollegen, die einst in der Pflege gearbeitet haben, wieder zurückkommen und auch neue Menschen sich für den Beruf des Pflegers entscheiden. Vor allem wenn sie die Wertschätzung und die Freiräume in den Teams sehen. Das wäre so nur möglich, wenn das Konzept bundesweit umgesetzt wird. Jetzt haben wir aber von Land zu Land unterschiedliche Regeln und Gesetze, und wir merken schon an der Grenze zu Niedersachsen die zuweilen verheerende Unterschiede in der Abrechnungsform.

Aber auch von den Kassen aus Niedersachsen bekommen wir positive Signale für eigene Pilotprojekte. Wenn es vielleicht irgendwann einmal bundeseinheitlich laufen würde, wäre viel erreicht.

Von Ost bis West, von Nord bis Süd erhalte ich mittlerweile Anfragen, da die Leute Buurtzorg kennen lernen wollen. Und das nicht nur von kleinen Pflegediensten, sondern auch von großen Playern wie der Caritas oder der Diakonie. Ob wir das von uns aus – dem kleinen Pflegedienst in Emsdetten – machen können, weiß ich nicht. Aber wir können zumindest anschieben.


Analyse der ambulanten Pflege in Deutschland

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