Das MD-Prüfsystem bewertet seit 2019 die Qualität stationärer Pflegeeinrichtungen in Deutschland – und liefert seither konstant hohe Ergebnisse. Doch was sagen diese Werte wirklich aus? Pflegemarkt.com konnte in einem exklusiven Interview mit Judith Vogt, Leiterin Verbund Qualitätsprüfung Pflegeeinrichtungen im Medizinischen Dienst Baden-Württemberg, sprechen. Im Interview sprechen wir darüber, ob die Punktwerte das abbilden, was Pflegebedürftige und Angehörige tatsächlich bewegt, wie aussagekräftig das anhaltend hohe Bewertungsniveau ist und welche Entwicklungen sich seit Einführung des überarbeiteten Systems beobachten lassen.
Pflegemarkt: Das MD-Prüfsystem existiert in seiner aktuellen Form seit 2019. Was hat sich aus Ihrer Sicht bewährt – inwiefern gelingt es den Punktwerten, das abzubilden, was Pflegebedürftige und ihre Angehörigen wirklich interessiert?
Judith Vogt: Bewährt hat sich vor allem die stärkere Ausrichtung auf die tatsächliche Versorgungssituation der pflegebedürftigen Menschen. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr allein Dokumente und formale Abläufe, sondern die Fragen: Wie geht es der Bewohnerin oder dem Bewohner konkret? Erhält sie oder er die individuell erforderliche Unterstützung, die ihren oder seinen Bedarfen und Bedürfnissen entspricht? Die Ergebnisqualität steht also im Fokus.
Dazu schauen sich unsere Prüferinnen und Prüfer die versorgten Personen an, sprechen – sofern seitens der versorgten Person möglich – mit ihnen und beziehen Angehörige, Pflegefachpersonen und die Pflegedokumentation mit ein. Bewertet werden unter anderem Mobilität und Selbstversorgung, Ernährung und Flüssigkeitsversorgung, krankheits- und therapiebedingte Anforderungen, soziale Kontakte sowie der Umgang mit Risiken und besonderen Versorgungssituationen. Damit greift das Prüfsystem wesentliche Aspekte auf, die Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen wichtig sind und die ihren Alltag widerspiegeln.
Meiner Meinung nach kann ein Punktwert allein kein reelles Bild einer Lebens- und Versorgungssituation abbilden, er kann jedoch eine wesentliche Orientierung geben. Für den pflegebedürftigen Menschen und seine Angehörigen sind bei der Auswahl einer Pflegeeinrichtung jedoch auch andere Aspekte wichtig. Die Pflegeeinrichtung wird zum neuen Zuhause. Dort möchte ein Mensch sich sicher, respektiert und wohl fühlen. Deshalb spielt neben den Gesamtergebnissen der Qualität und der einzelnen Qualitätsaspekte mit Sicherheit der persönliche Eindruck zur Einrichtung eine wesentliche Rolle. Die Qualitätsaspekte der Prüfung orientieren sich stark daran, welche individuellen Bedürfnisse die versorgte Person hat und ob diese im Pflegealltag umgesetzt werden.
Pflegemarkt: Die Bewertungsergebnisse bewegen sich seit Jahren konstant auf hohem Niveau. Lässt sich daraus auf eine insgesamt gute Pflegequalität in Deutschland schließen?
Judith Vogt: Ich bin überzeugt, dass unser Gesundheitssystem viel für pflegebedürftige Menschen bietet und dass wir eine große Auswahl an sehr guten Pflegeeinrichtungen haben. Ein gutes Gesamtergebnis ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Aussage, dass die Qualität grundsätzlich hoch sei. Die Bewertungsergebnisse bilden immer eine Stichprobe zu einem bestimmten Zeitpunkt ab. Auch zeigt der Blick auf die Qualitätsaspekte, dass durchaus auch ein Verbesserungspotential im Bereich der medizinischen und therapeutischen Versorgung, bei der Erkennung und Bearbeitung gesundheitlicher Risiken oder bei der individuellen Bedarfsermittlung besteht.
Wir sehen, dass der überwiegende Teil der Einrichtungen die vorhandenen Ressourcen dazu nutzt eine bestmögliche Pflege und Betreuung zu gewährleisten. Der zunehmende Fachkräftemangel in der Versorgung von pflegebedürftigen Personen stellt die Einrichtungen vor große Herausforderungen.
Pflegemarkt: Das überarbeitete Prüfsystem ist seit 2019 in Kraft. Welche Entwicklungen lassen sich seither in der Pflegequalität beobachten?
Judith Vogt: Die Ergebnisse vor und nach der Einführung des neuen Verfahrens sind nur eingeschränkt miteinander vergleichbar, weil sich Prüfinstrumente, Kriterien und Bewertungslogik verändert haben. Hinzu kamen die erheblichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Versorgung und auf die Durchführung von Qualitätsprüfungen. Auch der Medizinische Dienst Bund hat deshalb in früheren Qualitätsberichten auf direkte Zeitvergleiche verzichtet, wenn die Datengrundlage nicht ausreichend vergleichbar war.
Letztlich ist für uns wichtig zu erleben, dass die regelmäßigen Prüfungen des Medizinischen Dienstes dazu beitragen, die Qualität in Einrichtungen zu sichern und durch gezielte Beratung eine wichtige Hilfestellung zur Verbesserung geben. Dies unterstützt die Einrichtungen dabei gezielt Schwerpunkte aufzugreifen und bspw. durch entsprechende Schulungen und Maßnahmen einen Qualitätsbereich nachhaltig zu verbessern.
Pflegemarkt: Im Bereich der medizinischen und therapeutischen Versorgung zeigen sich noch Verbesserungspotenziale. Wie können Einrichtungen die Prüfergebnisse nutzen, um gezielt gegenzusteuern?
Judith Vogt: Wichtig ist, dass die Einrichtungen die Prüfung und den Prüfbericht nicht als eine notwendige Benotung ansehen, sondern als ein Hilfsinstrument zur Qualitätsentwicklung.
Uns ist der Beratungsansatz der Prüfungen sehr wichtig: Bereits während der Prüfung und im Abschlussgespräch geben unsere Prüferinnen und Prüfer praxisnahe Tipps und Hinweise zur Verbesserung der Qualität bzw. einzelner Bereiche.
Mit Erhalt des Prüfberichts können die Einrichtungen gezielt nach den Bereichen mit Defiziten oder Verbesserungspotential schauen und geeignete Maßnahmen ableiten. Ebenso enthalten sind bereits hilfreiche Empfehlungen zur Umsetzung. Dabei geht es nicht darum mehr zu dokumentieren, sondern die Pflege und die Maßnahmen gezielt auf die pflegebedürftige Person auszurichten und diese nach einem angemessenem Zeitraum auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.
Pflegemarkt: Eine Analyse zeigt, dass private und freigemeinnützige Träger mit einem Unterschied von nur 0,04 bis 0,06 Punkten nahezu gleichauf liegen. Sehen Sie darin ein Zeichen, dass sich die Pflegequalität trägerübergreifend auf einem stabilen Niveau eingependelt hat?
Judith Vogt: Bei der Betrachtung von Durchschnittswerten zur Qualität von Pflegeeinrichtungen und dem Vergleich von Unterschieden und Trends gilt es seit 2023 den verlängerten Prüfrhythmus von Pflegeeinrichtungen mit guter Qualität zu berücksichtigen. Dieser beträgt 2 Jahre. Die entsprechend zugehörige Richtlinie nach §114 SGB XI kam in der zweiten Jahreshälfte 2023 erstmals zum Tragen.
Betrachten wir einen Zeitraum, in welchem eine gewisse Anzahl an Einrichtungen mit guter Qualität nicht geprüft werden, vermittelt dies ggf. den Eindruck, die Qualität habe sich insgesamt verschlechtert. Das bedeutet, dass sich die Ergebnisse der Prüfungen nicht grundsätzlich auf die Gesamtheit aller Pflegeeinrichtungen beziehen lassen.
Aus Sicht des Medizinischen Dienstes spielt der Sachverhalt, ob ein Träger privat oder freigemeinnützig ist, keine entscheidende Rolle. Dass Einrichtungen in ihren Bewertungen nahezu gleichauf liegen, lässt keine Aussage über die Qualität in den einzelnen Qualitätsaspekten zu. Gerade diese Differenzierung nach Aspekten ermöglicht dem Verbraucher sich gezielt eine Einrichtung auszusuchen, die eine hohe Qualität in den Bereichen aufweist, die für die pflegebedürftige Person von Wichtigkeit und Wert sind.
Ziel der Qualitätsprüfungen ist es für Verbraucherinnen und Verbraucher Transparenz zu schaffen – unabhängig von der Art des Trägers.


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